Überlassen Sie Bioethik nicht Experten. Die Online-Bürgerdebatte von 2002 bis 2009.

Stirbt jeder seinen eigenen Tod? Gedanken am Sterbebett

Ein Mann und eine Frau sitzen mit einigem Abstand zueinander auf der Bühne. In ihrem Rücken befindet sich ein Krankenhausbett mit einer Patientin.

Szenisches Konzept

Nacht auf der Intensivstation. Eine Patientin liegt in einem weißen Kittel bewegungslos in ihrem Bett. Erst wenn die weiß bespannten Trennwände von den Akteuren zur Seite gestellt werden, wird sie sichtbar.

Sie ist an zahlreiche Maschinen und Schläuche angeschlossen. Auf den Screens sind die typischen oszillierenden Kurven zu sehen. Zwei Angehörige, eine Frau und ein Mann, sitzen auf Stühlen rechts und links des Bettes.

Mitwirkende: 2 weibliche, ein männlicher Darsteller

Spieldauer: 7:30 plus 2:00 Lied

Frau
Ist es verwerflich, sich (...) über den Tod zu freuen, (...) ihn manchmal sogar (herbei) zu wünschen?
Hat nicht jeder Mensch ein Anrecht auf einen friedlichen Tod ohne Leid und Schmerz?

Mann
Stirbt nicht jeder seinen "eigenen" Tod?
Besteht unsere einzige Aufgabe nicht darin, die Allerschwächsten, die Sterbenden, auf ihrem Weg (solidarisch) zu begleiten, ohne dass wir uns gleich wieder anmaßen darüber zu urteilen, was am Besten für sie ist?

Frau
(Aber) ist es menschlich, einen Menschen zum Leben zu zwingen?
Ist (so ein) Leben, welches ohne Maschinen nicht mehr lebensfähig ist, überhaupt noch Leben?
4625
Warum kann man nicht entscheiden, dass bei Langzeitkoma Sterbehilfe geleistet wird?

Mann
Woher wollen wir wissen, was in Jemandem vorgeht, der im Koma liegt?
(...) Ich hoffe und bete jeden Tag, dass sie wieder aufwacht. Ich könnte auf keinen Fall zulassen, dass sie Sterbehilfe bekommt. Es hat schon zu viele Fälle gegeben, in denen Totgeglaubte wieder erwacht sind, obwohl Ärzte das für unmöglich erklärt haben! Also, warum Sterbehilfe? Nur um Geld zu sparen?

Frau
Ist es nicht unmenschlich, einen Menschen am Leben zu erhalten, mit der Gewissheit, dass sich seine Lage nie mehr verbessern wird?

Mann
Wer darf (das) entscheiden? Ab wann ist ein Leben nicht mehr lebenswert? Ab wann gibt es keine Heilung mehr? (...) Kein Mensch kann das entscheiden. Nur Gott kennt den richtigen Zeitpunkt für den Tod eines jeden von uns.

Frau (spöttisch)
Du sollst nicht töten?

Mann
(Ja), so lautet das 5. Gebot und Sterbehilfe ist Töten! (...) Wenn ein Angehöriger Sterbehilfe fordert, so urteilt er über das Leben eines anderen. Könnte er nicht auch falsch liegen?

Frau
Sollte man in solch(en) (...) Fragen (eher) seinem Herzen oder dem Verstand folgen?

Mann
Ist es nicht besser, der Natur die Entscheidung zu überlassen, wann und wie ein Mensch stirbt?
Sterbehilfe führt dazu, das Menschen über andere Menschen Macht gewinnen (...).

Frau
Aber gibt es denn keinen anderen Weg, Leidenden zu helfen und sie von ihren Qualen zu befreien?
Wie weit darf man gehen, um Leben zu erhalten?

Mann
Man hat nicht die Macht, einen Toten lebendig zu machen. Wieso sollte man also die Macht haben, einen Lebenden zu töten?

Frau
Ist Sterbehilfe nicht der letzte Liebesdienst für einen geliebten, todkranken und qualvoll leidenden Menschen?
Ist es nicht ein humaner Schritt (...), (ihr) das letzte Leid zu ersparen?

Mann
Wenn ich jemandem, den ich liebe, beim Sterben geholfen habe, wer hilft mir dann beim Leben?


Die Angehörigen verschwinden hinter den Trennwänden; das Licht wird langsam abgedunkelt. Eine Weile ist Stille. Man hört Schritte auf dem Gang, die sich nähern und wieder entfernen. Plötzlich setzt sich die Kranke langsam im Bett auf, setzt sich auf den Bettrand und beginnt zu sprechen.


Patientin (spricht ins Ungewisse)
Was ist schmerzlicher: Einen geliebten Menschen zu verlieren oder zu wissen, dass man die geliebten Menschen bald selbst verlassen wird?
Warum muss man sterben?
Bin ich in Freiheit geboren? Darf ich in Freiheit sterben?
Steht unser Schicksal in den Sternen?
Gibt es Zufälle?
Warum ist es für Menschen so schwer, den Tod zu akzeptieren?
Warum haben wir Angst vor dem Tod und dem Sterben? Tod und Sterben gehören nicht mehr zu unserem Leben dazu; "gestorben" wird sehr oft allein. Niemand möchte sich mehr damit befassen, wir sind ja alle jung und unsterblich... Der Tod ist aber unausweichlich...
Wenn eine Reise ohne Ziel keinen Sinn macht, macht es dann ein Leben ohne Tod?
Gibt es ein Leben ohne Leid?
Einen Raum ohne Zeit? Ist das nicht wie ein Tag ohne Nacht? Hat nicht alles einen Anfang und ein Ende?
"Wenn du dies nicht hast, dieses Stirb und Werde, bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde"? Was hat Goethe mit diesem Satz gemeint?

Sie steht auf, tritt zwei Schritt nach vorn und spricht jetzt etwas emotionaler, das Publikum unmittelbar an.

Wenn ihr wüsstet, dass ihr morgen sterben müsst, was würdet ihr erreicht haben wollen und was noch tun?
Warum denkt man so selten daran, dass man vielleicht nur einmal lebt, und genießt nicht jeden Tag, denn jeder ist einzigartig?
(Fröstelnd) Spüre ich etwas, wenn ich sterbe?
Sieht man, wenn man stirbt, wirklich ein helles Licht?
Wie stellt ihr euch den Tod vor?
Ist der Tod eine Art schlafendes Leben?
Ist er nicht einfach voll Ruhe und Frieden, was man im Leben nie findet?
Ist der Tod eine Erlösung oder ein Übergang in eine andere Welt?
Lebt man, um zu sterben, oder stirbt man, um zu leben?
Gibt es eine unsterbliche Seele?
(...) ein Leben nach dem Tod?
Warum fällt es den Menschen nur so schwer, mit ungelösten Geheimnissen und unbeantworteten Fragen zu leben?


(Geht zurück zum Bett.)


Was würden Sie tun, wenn Sie wüssten, dass Sie nur noch eine Minute zu leben haben? An was würden Sie zuletzt denken? An die Ewigkeit?
Wie lange werde ich (noch) leben?

Das Licht verändert sich (wird etwas wärmer), die Patientin singt.


Song: Es wird im Leben mehr genommen als gegeben
von May-Neubach



Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben
Ja das ist so im Leben eben, das merke dir.
Du musst es lernen, es steht dein Schicksal in den Sternen
Es wird entschieden in den Fernen und niemals hier.

Doch folgt auf Regen in uns danach der Sonne Segen
Drum hab Vertrauen, alles wird gut.
Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben
Ja, das ist so im Leben eben, hab Mut, hab Mut.

Nimm’s nicht so sehr tragisch und schwer.
Denn ewig bleibt, was man erreicht.

Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben
Ja das ist so im Leben eben, das merke dir.
Du musst es lernen, es steht dein Schicksal in den Sternen
Es wird entschieden in den Fernen und niemals hier.
Doch folgt auf Regen in uns danach der Sonne Segen
Drum hab Vertrauen, alles wird gut.
Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben
Ja, das ist so im Leben eben, hab Mut, hab Mut.



Die Patientin legt sich wieder ins Bett und bleibt reglos liegen.

Die beiden Schauspieler, die zuvor die Angehörigen gespielt haben, kommen hinter den Trennwänden vor (jeweils auf der anderen Seite), nehmen sich je einen darüber liegenden Arztkittel und ziehen ihn an. Der Raum ist plötzlich in gleißendes Neonlicht getaucht. Die Ärzte beginnen routiniert mit Untersuchungen am Körper der reglosen Kranken.




Arzt
Unsere Krankenversicherungen sind pleite, wieso wird dann ein Mensch so lange künstlich am Leben gehalten?

Ärztin
Möchten Sie, wenn Sie todkrank sind und im Sterben liegen, dass der Arzt von sich aus, ohne dass er fragt und Sie etwas sagen, Ihnen zu einem schnelleren Sterben verhilft?

Arzt
Muss sich ein Mensch durchs Leben quälen?
Warum ist Sterbehilfe bis heute in Deutschland nicht legalisiert? Wenn ein Mensch durch einen Schlaganfall gelähmt ist, nicht mehr sprechen kann, sich nicht mehr mitteilen kann, den man füttern muss, dem jedes Mal der Arsch von einem Pfleger abgewischt werden muss. Wenn mich so ein Schicksal treffen würde, dann empfände ich dies als Verletzung meiner Würde und würde alles tun, um das zu verhindern! Das schließt auch Sterbehilfe mit ein!

Ärztin
Wer will entscheiden, wann Leben nicht lebenswert ist? Die Ärzte, die Eltern? Der Staat?
Müssen wir in Deutschland in der Frage der aktiven Sterbehilfe nicht behutsam und zurückhaltend sein, besonders wenn es um staatliche Maßnahmen und allgemeine Gesetze geht?

Arzt
Jedes Tier, das leidet, schläfert man ein, um die Qualen zu verkürzen. Warum muss man sie beim Menschen künstlich verlängern?

Ärztin
Warum ist so vielen ein Menschenleben (egal welches) so wenig wert?
Hospize sind wunderbare Einrichtungen. Warum denken Sie über das Töten von Menschen nach, wenn man doch das Sterben selber menschenwürdiger machen kann?

Arzt
Worin liegt der Sinn, das Leben eines (...) Menschen künstlich am Leben zu erhalten, wenn er erstens – ohnehin keine gesunde Zukunft erwarten kann, zweitens – sein derzeitiges Leben ihm nur Schmerzen bereitet und drittens – dieser Mensch ohne Zukunft anderen Menschen, die noch auf Heilung hoffen können, einen Platz im Krankenhaus wegnimmt?

Ärztin
Wie soll verhindert werden, dass – sollte einmal Sterbehilfe geleistet werden können – die geplante Sterbehilfe von dem Bedarf eines Krankenhauses beeinflusst wird, aus Platz und Kostengründen ein Bett "frei zu machen".
Bringt die Legalisierung der Sterbehilfe uns nicht in Versuchung, Todkranke, Alte und Behinderte einfach loswerden zu wollen?

Arzt
Wieso keine Sterbehilfe, wenn nichts mehr hilft und der Erkrankte in seinen letzten Tagen nur Schmerzen hat?
Warum müssen todkranke Menschen in Deutschland immer noch lange leiden, während ihnen in Holland auf eigenen Wunsch das Sterben erleichtert wird?

Ärztin
Soll ich als Ärztin gezwungen sein, entgegen meinen eigenen Überzeugungen Sterbehilfe leisten zu müssen? Dagegen wehre ich mich!

Arzt
Ist ein gesetzlich festgelegtes Sterbealter vielleicht nicht gerechtfertigt, wenn es von der Mehrheit der Gesellschaft akzeptiert wird, zum Wohle aller – und um Geld zu sparen?

Ärztin
Ich bin da, um zu heilen, zu lindern oder zu trösten aber nicht um zu töten.Wie soll man als Arzt damit umgehen?
Ist die Tendenz der Gesellschaft "alles", was den Anschein von Schmerz und Leid hat, verhindern zu wollen, nicht Ausdruck der Angst vor der eigenen Schwäche und Endlichkeit?

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