Überlassen Sie Bioethik nicht Experten. Die Online-Bürgerdebatte von 2002 bis 2009.
Eugenik

Gute Gene, schlechte Gene?

Wer darf leben — und wer nicht?

Schon in früheren Zeiten hat es Träume von einer "Verbesserung" des Menschen gegeben. So entwickelte der griechische Philosoph Platon bereits vor 2400 Jahren das Modell eines idealen Staates, in dem Behörden die für die Fortpflanzung geeigneten Männer und Frauen auswählen. Wenn wir durch das Hinzufügen von Genen bessere Menschen herstellen könnten, warum sollten wir es dann nicht tun?, fragte 1998 James Watson, einer der beiden Begründer des DNA-Modells. Tatsächlich wird es mit den modernen Medizintechnologien zumindest möglich, die Geburt von Menschen mit für "schlecht" befundenen Anlagen zu verhindern.

Wer bestimmt darüber, was gut und schlecht ist?

Die Eugenik (griechisch eugenes = von guter Herkunft) entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals wuchs in Folge der Industrialisierung die Bevölkerung in den Städten rasant. Viele Menschen lebten in Armut und unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen. Krankheit und Elend waren die Folge. Bürgerliche und adelige Intellektuelle werteten das als Zeichen einer umfassenden Degeneration des Menschen. Unter dem Einfluss der Evolutionstheorie sahen Biologen und Soziologen den Grund für diesen "Verfall" darin, dass die natürliche Selektion durch die Zivilisation außer Kraft gesetzt sei (vor allem durch verbesserte Hygiene, Ernährung und medizinische Versorgung). Um dem entgegen zu wirken, dachten sie darüber nach, mit welchen Maßnahmen sich in der Bevölkerung "gute" Erbanlagen vermehren und "schlechte" vermindern ließen.

Im 20. Jahrhundert wurden in vielen Staaten Menschen zwangssterilisiert oder mit Eheverboten belegt, weil sie als "minderwertig" galten. Aber nur im nationalsozialistischen Deutschland wurde die gesamte Gesellschaft auf die "Verbesserung" der Bevölkerung ausgerichtet. Unter Berufung auf "wissenschaftliche Erkenntnisse" der so genannten Rassenhygiene wurden nicht nur Hunderttausende zwangssterilisiert, sondern auch mindestens 120.000 Menschen planmäßig getötet. Die Verfolgung und Ermordung der Juden und anderer gesellschaftlicher Gruppen ebenso wie die Forschung an "Minderwertigen" in den Konzentrationslagern wurde ebenfalls mit "rassenhygienischen Erkenntnissen" begründet.

Geschäft mit der Angst?

Suche im Internet nach Angeboten für das vorgeburtliche Screening auf Down-Syndrom (z. B. www.medwell.de).

Wie wird die Untersuchung dargestellt? Gibt es versteckte Botschaften an die Leser?

Moderne Auslese

Heute entsteht Auslese vor allem durch individuelle Einzelentscheidungen. Diese moderne Form der Selektion wird auch "Neo-Eugenik" genannt; sie findet in unseren Tagen vor allem vorgeburtlich statt — mit Hilfe von Techniken wie der Pränataldiagnostik (PND) oder der Präimplantationsdiagnostik (PID). Eltern können mithilfe dieser Techniken erfahren, wie wahrscheinlich eine Erkrankung oder Behinderung ihres ungeborenen Kindes ist. Dies bleibt nicht ohne Folgen, Beispiel Down-Syndrom: Nach der Diagnose "Trisomie 21" entscheiden sich in Deutschland schätzungsweise neunzig Prozent der Schwangeren für einen Schwangerschaftsabbruch.

Muss ich mich schuldig fühlen, wenn ich trotz einer vererbbaren Sehbehinderung ein Kind in die Welt setze?, fragte Ottmar Miles-Paul, Mitbegründer der Selbsthilfebewegung Selbstbestimmt-Leben im Rahmen der Aktion 1000 Fragen. Als sein Sohn zur Welt kam, bekam er hautnah zu spüren, dass behinderte Kinder heutzutage nicht überall willkommen sind. Als jemand, der mit einer angeborenen Sehbehinderung bisher recht gut und munter durchs Leben gekommen ist, stand ich den Diskussionen mit anderen Eltern meist recht hilflos und zum Teil sehr ärgerlich gegenüber, schreibt er. ‚Ein behindertes Kind — das würde ich nicht schaffen‘, ‚Wir haben alles abgecheckt, damit unser Kind hoffentlich keine Behinderung haben wird‘, ‚Es gibt ja heute zum Glück gute Methoden, um ein Kind mit einer Behinderung auszuschließen‘ oder ‚Hauptsache gesund‘ waren nur einige der Äußerungen, die in solchen Gesprächen gemacht wurden und mir Stiche versetzen.

Neutrale Wissenschaft?

Wie viel darf Krankheit kosten?

Medizin und Genetik vermitteln Vorstellungen über den "Lebenswert". Das zeigt sich schon in Begriffen wie "Gendefekt" oder "Risiko", die negativ besetzt sind. In der Ausbildung lernen Mediziner, ihre Aufgabe im Kampf gegen Krankheit und Beeinträchtigungen zu sehen und diese vor allem als Leid wahrzunehmen. Daraus folgt zwar nicht zwangsläufig eine eugenische Philosophie — die Geburt von Kindern mit genetisch bedingten Handicaps verhindern zu wollen, verträgt sich aber durchaus mit der Logik des medizinischen Denkens.

Die öffentlichen Gesundheitssysteme sind an ihre finanziellen Grenzen gelangt, weil die Medizin immer teurer wird. Damit werden Krankheiten zunehmend als wirtschaftliches Problem gesehen. Um die vorhandenen Mittel im Gesundheitssystem gerecht verteilen zu können, wollen einige Ethiker und Mediziner Eugenik wieder als Wissenschaft betreiben. In ärmeren Staaten gibt es bereits eugenische Gesundheitsprogramme. Auf Zypern zum Beispiel versucht man, die Geburt von Menschen mit der erblichen Blutkrankheit Thalassämie zu verhindern. Diese dort weit verbreitete Krankheit verläuft ohne Behandlung tödlich; eine rechtzeitige Therapie kann das Überleben bis ins Erwachsenenalter ermöglichen, ist aber teuer. Seit Paare vor der Heirat und während der Schwangerschaft getestet werden, ist die Anzahl der Neugeborenen mit der Erkrankung von durchschnittlich siebzig auf zwei pro Jahr zurückgegangen. Nur so könne man die Behandlung vorhandener Patienten finanzieren, wird argumentiert.

Sparen mit Eugenik?

Recherchiere im Internet zu dem zypriotischen Thalassämie-Programm.

Tragt die Argumente für und gegen das Screening zusammen und diskutiert darüber!

Film

Hitlers Eliten nach 1945, Teil 3: Ärzte — Medizin ohne Gewissen,

Film von Gerolf Karwarth, WDR 2004 (kann beim Mitschnittservice bestellt werden)

Seite
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11- 13
nächste Seite
Druckversion
Weiterempfehlen an
E-Mail-Adresse angeben: