Biomedizin und Wirtschaft
Money, Money, Money...
Genforschung als Standortfaktor
Seit Mitte der 1990er Jahre ist biomedizinische Forschung ein Schwerpunkt der öffentlichen Förderung in der Bundesrepublik. Dabei geht es um den Wirtschaftsstandort Deutschland, und so haben die Förderprogramme vor allem wirtschafts-politische Ziele: "Durch das Genomforschungsnetz ist in kurzer Zeit eine derartige Fülle von Forschungs ergebnissen entstanden, dass eine Reihe von Firmengründungen zu erwarten sind", sagte zum Beispiel die damalige Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn 2003. Das Nationale Genomforschungsnetz (NGFN) ist das zentrale Förderprogramm des Bundesforschungsministeriums (BMBF) für die Genomforschung. Es sei "für die Innovationskraft Deutschlands von größter Bedeutung". Wirtschaftspolitische Zielsetzungen bestimmen auch die Förderung durch die Landesregierungen. Einige Bundesländer haben landeseigene Gesellschaften gegründet, die Wissenschaftler bei der Unternehmensgründung, der Beantragung von Fördergeldern oder von Patenten unterstützen.
Biomedizin: Boom oder Blase?
Die renommierten Wirtschaftsprüfer von Ernest & Young veröffentlichen einmal im Jahr einen Bericht über Firmengründungen, Umsätze und Wachstum des Sektors. Sie beziffern die Gewinne der pharmazeutischen Biotechnologie in Deutschland im Jahr 2000 mit 707 Millionen, 2003 mit 915 MillIionen Euro und für das Jahr 2010 erwarten sie Einkünfte von 2 Milliarden Euro.
Solche Zahlen vermitteln den Eindruck einer potenten und wachsenden Industrie. Doch dieser Eindruck täuscht: Keine Branche lebt so sehr von Hoffnungen und Wünschen wie die Biomedizin. Versprochen werden Therapien für bislang unheilbare Krankheiten, neuartige Medikamente oder eine bessere Diagnostik. Die verkauften Produkte, mit denen die hohen Umsätze erwirtschaftet werden, erfüllen diese Erwartungen jedoch keineswegs.
Das Beispiel Medikamente
Gentechnisch hergestellte Medikamente sind in der Regel nichts Neues, sondern ersetzen nur bereits vorhandene, konventionell produzierte Wirkstoffe. Für die Pharmaunternehmen ist das lukrativ, weil sie an einem Medikament nur noch wenig verdienen, wenn der Patentschutz abgelaufen ist. Eine Neuauflage eines bewährten Medikaments mit veränderter Rezeptur und neuem Patentschutz erhöht den Gewinn. Die Anzahl wirklich neuartiger Medikamente ist sehr klein (2005: sieben Wirkstoffe); zudem wirken sie in der Regel nur bei sehr seltenen Krankheitsformen und sind sehr teuer.
Das Beispiel Gentests
Gentests werden im klinischen Alltag nur selten genutzt: Zum Beispiel, um die sehr seltenen, eindeutig genetisch bedingten Erkrankungen zu diagnostizieren, oder in der Pränataldiagnostik. Ausnahme: Mit Tests zur Feststellung der Vaterschaft machen einige Labore seit Jahren gute Umsätze. In jüngster Zeit bieten einige deutsche Labore im Internet Gentests für Krankheitsrisiken an; diese Angebote gibt es seit langem von Laboren im Ausland. Ob die Nachfrage nach Gentests in der Bundesrepublik damit angerkubelt wird, bleibt abzuwarten.
Eines jedenfalls ist sicher: Eine nennenswerte Anzahl zusätzlicher Arbeitsplätze entsteht durch die neue Branche nicht. Die Forschung an Zellen, molekularen Strukturen oder DNA im Labor ebenso wie die Medikamentenentwicklung sind in hohem Maße automatisiert.
Und die Patienten?
Pharmazeutische Unternehmen investieren in der Regel nur dann in die Entwicklung von Medikamenten, wenn sie möglichst große Gewinne am Markt zu erzielen versprechen. Was das für Patientinnen und Patienten bedeutet, zeigt das Beispiel Insulin: Nachdem es jahrzehntelang aus Schweinen gewonnen wurde, begann man Mitte der 1980er Jahre, Insulin mit Hilfe von Bakterien gentechnisch herzustellen. In der Folge wurde der alte Wirkstoff schrittweise vom Markt genommen. Die Hersteller sagen, dieses Insulin sei sicherer, weil damit Infektionen mit tierischen Erregern ausgeschlossen werden können. Viele Patienten nehmen gentechnisches Insulin ohne Probleme, für eine Minderheit ist es jedoch mit manchmal lebensbedrohenden Nebenwirkungen wie Allergien oder Schmerzen verbunden; bei manchen Patienten beeinträchtigt es auch das Gefühl für eine drohende Unterzuckerung. Trotzdem haben sie inzwischen Probleme, das für sie lebenswichtige nicht-gentechnisch hergestellte Insulin zu erhalten und von den Krankenkassen gezahlt zu bekommen.
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Kleine Unternehmen und Forschungserfolge
Kommerzielle Interessen sind auch der Hintergrund vieler Erfolgsmeldungen aus der Biomedizin. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen wecken in der Öffentlichkeit gezielt überzogene Erwartungen an die Resultate ihrer Forschung, um hohe Kurse an der Börse zu erzielen und das Interesse von Pharmaunternehmen und Geldgebern auf sich zu lenken.
Beispiel DeCode
Ende 1998 erlaubte die isländische Regierung der Firma DeCode, das Erbgut aller Isländer zu sammeln und daran zu forschen. DeCode stellte das Projekt in der Öffentlichkeit als sichere wissenschaftliche Grundlage für die Entwicklung neuer Medikamente und Therapien dar. Die Strategie der Firma ging auf: Eine große Pharmafirma stieg umgehend mit einer größeren Summe in das Projekt ein. Beim Börsengang der Firma im Jahr 2000 spiegelten sich die Erwartungen in einem Einstiegspreis von knapp 30 US-Dollar pro Aktie wider, viele Isländer kauften Aktien. Doch je länger das Projekt lief, desto tiefer stürzte der Wert der Aktie, denn die versprochenen Medikamente und Therapien lassen bis heute auf sich warten. Nach einem Tiefststand von 1,98 US-Dollar Ende 2002 liegt der Wert der Aktie heute bei etwa 10 US-Dollar.
Beispiel PPL Therapeutics
Am Klon-Experiment mit dem Schaf Dolly war die Firma PPL Therapeutics beteiligt. Sie wollte aus der Milch geklonter Tiere Medikamente und aus deren Blut Blutplasma für Menschen gewinnen. Obwohl unklar blieb, ob das jemals im großen Stil gelingt, schnellte der Aktienkurs von PPL nach der Geburt von Dolly nach oben: am ersten Tag um 15,7 Prozent, am zweiten Tag um weitere 10,6 Prozent. Die Firma hatte mit Dolly geschickt Werbung für sich gemacht. Die Medikamentenherstellung selbst aber misslang — angeblich aus wirtschaftlichen Gründen, wie Ian Wilmut, der "Vater" von Klonschaf Dolly, in einem Interview mit der "Zeit" äußerte.
Der Körper als Rohstoff
Die derzeit wohl begehrteste Substanz auf dem Forschungsmarkt sind Eizellen. Sie werden für Klonexperimente gebraucht, sind für Forschungen zur frühen Embryonalentwicklung und zur Zelldifferenzierung unerlässlich, und sie sind ein unersetzlicher "Rohstoff" bei der künstlichen Befruchtung. Die Spende von Eizellen ist für Frauen mit erheblichen gesundheitlichen Gefahren verbunden: Damit möglichst viele Eizellen auf einmal heranreifen, müssen sich Frauen einer Hormonbehandlung unterziehen. In der Folge haben sie oft monatelange Blutungen, Kreislaufbeschwerden und Schmerzen; manche Frauen werden auch unfruchtbar.
Die Bezahlung von Eizellspenden ist in vielen westeuropäischen Ländern verboten; Eizellen sollen nicht zu einer Handelsware werden, so das Credo vieler Ethiker und Politiker. In der Praxis sind sie das aber längst, denn in vielen ärmeren Ländern ist die Eizellspende nicht geregelt. Diese Lücke wird dort für Angebote genutzt, die in westeuropäischen Ländern aus ethischen Gründen untersagt sind. In einigen osteuropäischen Staaten beispielsweise halten Privatkliniken Eizellen für zahlungskräftige Kunden aus dem Ausland bereit. Oft steht hinter solchen Angeboten ein regelrechter Handel mit Eizellen. 2004 wurde durch Berichte von Journalisten und kritischen Organisationen bekannt, dass die von Kliniken in Großbritannien und den USA angebotenen Eizellen aus Rumänien stammten, wo Frauen sie gegen Bezahlung "gespendet" und zum Teil schwere Gesundheitsschäden davongetragen hatten.
Filme
Frozen Angels
Dokumentarfilm über die weltweit größte Agentur für Eizellspenderinnen und Leihmütter. Die Filmemacher begleiten die Protagonisten des gigantischen Geschäfts mit der menschlichen Fortpflanzung — Wissenschaftler und Wirtschaftsbosse, die ihren Kunden perfekt modellierte Kinder versprechen.
Deutschland/USA 2003-2005, Regie: Frauke Sandig, Eric Black, 90 Minuten






