Menschenbilder
Alle sind gleich — und jeder ist anders
Was bedeutet es, Mensch zu sein?
Was macht den Menschen aus? Dass er gut ist — oder böse? Dass er weinen oder lachen kann? Dass er denken oder fühlen kann? Es gibt viele Antworten auf die Frage nach dem Menschsein. Die Antworten sind davon abhängig, welche Überzeugungen ihnen zugrunde liegen.
Alle Menschen sind ...
- im Grunde gut. Sagt der Humanismus
- Gottes Geschöpfe. Sagen Religionen wie das Christentum, der Islam und das Judentum.
- leidgeprüfte und zur Wiedergeburt bestimmte Wesen. Sagt der Buddhismus.
- gleich und haben dieselben Rechte. Sagt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.
- von Natur aus frei. Jeder kann sich seines eigenen Verstandes bedienen. Sagt die Aufklärung.
- Nachkommen der Affen. In der Natur überlebt der Fitteste. Sagt der Darwinismus.
Viele versuchen, einer Antwort näher zu kommen, indem sie sagen, was der Mensch nicht ist oder sein sollte:
Mensch oder Gott?
Der Mensch ist kein Gott. Das sagt jedenfalls das Christentum. Gott ist ein Überwesen, das den Menschen geschaffen hat. Der Mensch soll sich daher nicht anmaßen, Gott zu spielen. Genau das aber, so sagen viele christlich orientierte Kritiker, tue die moderne Wissenschaft beim Klonen oder der Sterbehilfe. Statt Gottes Geschöpf zu sein, mache der Mensch sich hier selbst zum Schöpfer.
Mensch oder Tier?
Im westlich-naturwissenschaftlich geprägten Weltbild gibt es eine klare Trennung zwischen Mensch und Tier. Danach unterscheidet sich der Mensch vom Tier vor allem darin, dass er sich seiner selbst bewusst ist ("Ich bin ich") und sprechen kann.
Immer mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellen jedoch in Bezug auf Menschenaffen die bisherige Trennung zwischen Mensch und Tier infrage. Je mehr Anzeichen sie für Eigenschaften finden, die bisher nur Menschen zugeschrieben wurden, desto stärker problematisieren sie auch Experimente mit Primaten. So zeigen neuere Forschungen, dass manche Affenarten lesen können, Mimik verstehen und Dinge im Voraus planen können.
Auch durch die Gentechnik werden die Grenzen zwischen Mensch und Tier teilweise überschritten. Es gibt Mäuse mit menschlichen Genen, die der Krebsforschung dienen sollen. Oder Experimente, die zum Ziel haben, dass schwer herzkranke Menschen vielleicht eines Tages dank eines Schweineherzens überleben können (siehe auch das Kapitel Organtransplantation).
Mensch oder Maschine?
Ob Herzschrittmacher oder künstliche Hüfte — immer mehr Technik unterstützt bzw. manipuliert den Menschen. Um den Menschen zu verbessern, bedient er sich immer mehr Apparaten. Skeptiker sagen, der Mensch beginne, mit der Maschine zu verschmelzen.
Einige Hirnforscherinnen und -forscher stellen die Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine grundsätzlich in Frage. Für einige von ihnen ist das Gehirn nichts anderes als das komplexe Zusammenspiel von Nervenzellen. Ihr Traum ist es, dieses Zusammenspiel besser zu verstehen und irgendwann das menschliche Gehirn nachzubauen (Künstliche Intelligenz).

Hinter all diesen Plänen steckt die Vorstellung von einer Art "Maschinen-Menschen". Haben wir unseren Körper bisher als natürlich verstanden, sehen wir jetzt eine eher unvollkommene, reparaturbedürftige Maschine in ihm. Dieses Verständnis, so befürchten Kritiker, beeinflusst unser Menschenbild. Menschen müssen demnach funktionieren wie Maschinen, effektiv und leistungsfähig sein — ohne Störfeuer durch Seele, Geist oder Psyche.
Mensch oder Rohstoff?
Viele Philosophen und Ethiker sagen, nur der Mensch selbst darf über seine Zellen, Organe und Gewebe verfügen. Der Mensch dürfe nicht zum Ersatzteillager für andere werden. Viele Wissenschaftler fordern dagegen, zum Beispiel Embryonen in einem ganz frühen Stadium zur Forschung und zur Behandlung anderer Menschen zu nutzen, um vielleicht eines Tages damit Leiden wie die Alzheimersche oder die Parkinsonsche Krankheit zu behandeln (therapeutisches Klonen). Auch bei der Organtransplantation werden Teile eines Menschen zur Rettung oder Behandlung von anderen genutzt.
Mensch oder Gemüse?
Der australische Philosoph und Tierrechtler Peter Singer spricht Menschen mit schweren geistigen Behinderungen oder Koma-Patienten das Lebensrecht ab. Seine Begründung: Diese Menschen hätten kein Bewusstsein von sich und ihrer Zukunft. Er redet von diesen Menschen als "menschlichem Gemüse", eine Bezeichnung, die in der Öffentlichkeit — vor allem aber in der Behindertenbewegung — vehement abgelehnt wurde. Denn das Menschsein, so die Singer-Kritiker, hängt nicht nur von den Fähigkeiten oder dem Leistungsvermögen des Gehirns ab.
Schimpfwörter
Spasti, Mongo, Missgeburt, Spagettifresser, Schwuchtel, Nigger, Kanake — Schimpfwörter beziehen sich meist darauf, dass jemand irgendwie "anders" ist.
Welche kennst du noch? Was steckt hinter diesen Bezeichnungen?
Welches Menschenbild steckt dahinter?
Wenn Menschen auf einem so niedrigen intellektuellen Entwicklungsstand sind, dass sie ihrer selbst nicht bewusst sind, dann sind wir nicht verpflichtet, sie am Leben zu halten.
Peter Singer, australischer Philosoph
Ist es fair, Mittel für bewusstloses oder nahezu bewusstloses Leben auszugeben, die dann anderen Bedürftigen verweigert werden müssen?
Raanan Gillon, britischer Medizinethiker
Ein Transplantationspatient spielt seine Ausgaben im Zweifel wieder ein. Ein dauerkomatöser Patient verursacht wirklich nicht mehr als Kosten.
Hans-Georg Koch, Jurist und Verfechter der aktiven Sterbehilfe
Der Traum vom perfekten Menschen
Die "Verbesserung des Menschen" hat Philosophen und Politiker, Mediziner und Erbgutspezialisten immer schon beschäftigt. Die neuen Möglichkeiten der Bio- und Gentechnologie scheinen nun die Möglichkeiten dafür zu schaffen. Die Suche nach dem "richtigen" Samenspender mit den gewünschten Erbanlagen, der Gencheck am Embryo im Mutterleib oder die Gentherapie scheinen der Wissenschaft die Mittel zu geben, um den Menschen zu perfektionieren. Aber: Was ist das Ziel dieser Entwicklung? Wie viel Perfektion verträgt der Mensch?
Anders normal: Leben mit einer Behinderung
Unsere Normalität ist eine andere als die der Nichtbehinderten. Für mich hat die Art, wie wir sind, wie wir uns bewegen, eine eigene Schönheit, eine eigene Grazie.
Dinah Radtke Zentrum für Selbstbestimmtes Leben Behinderter
Die Behinderung gehört zu mir, seit ich denken kann. Sie ist Teil meiner Identität. Ich finde es überhaupt nicht toll, behindert zu sein. Aber es ist alles relativ, und für mein Leben war die Behinderung nützlich und gut und ich lebe gut damit.
Ursula Eggli Schriftstellerin und Behindertenaktivistin
Das Leid ist die andere Seite vom Glück. Ohne das Leid gibt es das Glück gar nicht.
Matthias Vernaldi Sexybilities — Initiative Sexualität und Behinderung
Solange diese absolute Schlussfolgerung — mit einer Lähmung leben bedeutet Leiden — in den Herzen und in den Köpfen spukt, werden wir immer ein Problem miteinander haben. Weil das ein Ammenmärchen ist, absoluter Quatsch, wirklich Nonsens.
Bettina Mücke-Fritsch AG Spina bifida und Hydrocephalus
Filme
Die Idioten
Eine Gruppe junger Aussteiger macht auf verrückt und stellt die Geduld ihrer scheinbar liberalen Mitmenschen röchelnd und lärmend auf eine harte Probe.
Dänemark 1998, Regie: Lars von Trier, 117 Minuten.
Verrückt nach Paris
Drei pfiffige Menschen mit Behinderungen reißen aus dem Heim aus -in die Stadt ihrer Träume.
Deutschland 2002, Regie: Pago Bahlke, Eike Besuden, 90 Minuten.






