Überlassen Sie Bioethik nicht Experten. Die Online-Bürgerdebatte von 2002 bis 2009.
Medien

Meinungsmache oder Meinungsbildung?

Wie werden Nachrichten gemacht?

Medien kämpfen um die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser — wer zuerst eine spannende Schlagzeile bringt, zieht das Interesse auf sich und steigert die Auflage oder die Einschaltquote. Die Nachricht wird so zu einer Ware, die verkauft werden muss. Journalistinnen und Journalisten müssen schnell arbeiten und Nachrichten zuspitzen. Oft bleibt ihnen keine Zeit, Informationen zu überprüfen — zum Beispiel, indem sie andere Wissenschaftler nach deren Meinung zu angeblich neuen Erkenntnissen eines Kollegen befragen. Seit Presse und Rundfunk an Mitarbeitern sparen, ist die Zeit noch knapper geworden.

Weil viele Zeitungen keine eigenen spezialisierten Wissenschaftsjournalisten haben, greifen sie auf vorgefertigte Artikel der Nachrichtenagenturen zurück. Hat eine wichtige Zeitung eine Nachricht als erste, verbreiten die kleineren sie oft weiter. Deshalb gleichen sich trotz einer Vielfalt an Medien deren Inhalte oft — noch dazu, wenn ein biomedizinisches Thema gerade in Mode ist. Außerdem haben die meisten Journalisten sich nicht auf das Thema Biomedizin spezialisiert, so dass sie kaum einschätzen können, ob eine Nachricht wichtig oder wahr ist.

Journalisten entscheiden, welche Nachricht gedruckt oder gesendet wird. Politiker, Pharmakonzerne und Biotechfirmen versuchen deswegen, sie zu beeinflussen. Politiker wollen ihre Themen in die Öffentlichkeit bringen und Pharmakonzerne und Biotechfirmen wollen ihre Forschung bekannt machen, weil sie mit deren Ergebnissen — Medikamente und Diagnoseverfahren — Geld verdienen wollen. Sie informieren die Medien zum Beispiel, dass die Forscher neue Gene entdeckt haben. Nur: Viele solcher "Entdeckungen" sind erst der Anfang einer langen Suche. Bis tatsächlich ein Medikament gefunden ist, können Jahrzehnte vergehen — wenn überhaupt jemals eines gefunden wird. Die Wirklichkeit ist manchmal eben viel komplizierter als die Erfolgsmeldungen vermuten lassen.

Schon gehört?

Von welchen bioethischen Themen hast du schon aus den Medien erfahren? Warum wird darüber berichtet? (Nachrichtenfaktoren)

Der Fall Dolly: Ein Schaf macht Schlagzeilen

Dolly sah aus wie andere Schafe auch: flauschiges Fell, treuherziger Blick. Aber Dolly war ein besonderes Schaf: Es war geklont. Das heißt, es war genetisch identisch mit einem Schaf, dem Forscher aus dem Euter eine Körperzelle entnommen und in eine Eizelle eingepflanzt hatten. Eine Sensation, fanden Journalisten auf der ganzen Welt.

BILD berichtet als erste deutsche Zeitung von Dolly. Am 24. 02.1997 macht sie das Schaf zum "Thema des Tages": "Der Alptraum ist da!", lautet die Überschrift, der Artikel beginnt mit den Worten: "Und dann triffst du dich selbst im Büro …" Ein paar Zeilen weiter zitiert BILD einen Fachbuchautoren: "Wir werden wahrscheinlich so weit kommen, dass wir Tote praktisch wieder zum Leben erwecken können. Eltern, deren Kind nach einem Unfall im Sterben liegt, könnten noch rasch Zellen entnehmen lassen für ein zweites Kind, das dem ersten buchstäblich aufs Haar gleicht."

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) erscheint am 28. 02.1997 der Artikel "Die Schöpfung Dollys aus der Sicht eines Biochemikers". Er erklärt, wie schwierig das Klonen ist. Schon das Experiment mit Dolly klappte erst beim 277. Versuch. Beim Menschen aber müssten sich Tausende von Frauen für ein solches Experiment zur Verfügung stellen. Viele hundert Föten würden sich nicht richtig entwickeln und müssten "beseitigt" werden. All das, damit am Ende vielleicht ein einziger geklonter Mensch geboren wird.

Wie macht man Schlagzeilen?

Beschreibe die Unterschiede zwischen BILD und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Vergleiche dazu die Berichterstattung zum Klon-Schaf Dolly! Tipp: Viele Bibliotheken archivieren Zeitungen! Sammle Fakten zum Klon-Schaf Dolly und verfasse je eine Nachricht für BILD und FAZ!

Die Macht der Bilder

Um Leser auf einen Artikel neugierig zu machen, suchen die Medien nach Bildern, die ungewöhnlich sind und zum Inhalt eines Textes passen. Wenn es um Forschung geht, ist das nicht immer einfach: weiße Laborkittel, Reagenzgläser und Petrischalen sehen schnell langweilig aus. Deshalb verwenden die Printmedien gerne Illustrationen oder Grafiken, um komplizierte Sachverhalte anschaulich zu machen. Eine klare Botschaft hatte das Bild, das der Spiegel (10/97) zu einem Artikel über Dolly, Klonen und künstliche Fortpflanzung stellte: Michelangelos Gemälde, wie Gott Adam erschafft. In Verbindung mit der Überschrift "Jetzt wird alles machbar" spielt es darauf an, dass der Mensch die Schöpfung in die Hände nimmt.

Was sagen die Bilder?

Schaue dir Internetseiten oder Zeitschriftenartikel zu bioethischen Themen an. Gibt es Bilder, die immer wieder auftauchen? Wenn ja, was sagen sie aus?

Gute oder schlechte Zeiten? Bioethische Themen im TV

Fernsehserien befassen sich auch mit bioethischen Themen — nur eben ein bisschen anders als die Presse. Freude und Trauer, Furcht und Hoffnung spielen hier eine größere Rolle als Möglichkeiten und Methoden der Forschung. Das heißt: Die Filmemacher erzählen mit den Mitteln der Dramaturgie (Spannung, Gut gegen Böse usw.) von Einzelschicksalen, oft mit einem Happy End. Die Betroffenen reden in verständlicher Alltagssprache, Ärzte kommen nur am Rande vor.

Beispiel "Lindenstraße": Als Anna Ziegler schwanger wird, diagnostizieren die Ärzte bei dem ungeborenen Baby das Down-Syndrom. Anna und ihr Mann Hans Beimer zweifeln keinen Moment, das Kind zu bekommen. Sie sorgen sich nur, wie andere Menschen auf die Behinderung reagieren würden.

Beispiel "Gute Zeiten, schlechte Zeiten": Einige Folgen drehten sich um eine Knochenmarkspende. Die kleine Antonia ist leukämiekrank. Die Eltern entschließen sich, noch ein Kind zu bekommen, das als Knochenmarkspender Antonias Leben retten könnte. Auf www.1000fragen.de wird dieser Fall diskutiert. Frage 6627 lautet: Ist es richtig, was die Personen in der RTL-Serie GZSZ vorhaben? Die Kommentare, die ihr im Forum nachlesen könnt, fallen ganz unterschiedlich aus.

Journalisten über ihre Arbeit

Warum ist Berichterstattung über bioethische Themen wichtig?
Martin Spiewak, Die Zeit: Die Biomedizin greift tief in die menschliche Natur ein. Und sobald Forscher neue Dinge ausprobieren — wie das Klonen — lassen sie sich schwer aufhalten. Also müssen wir unsere Leser rechtzeitig informieren. Aus journalistischer Sicht liefert die Biomedizin außerdem dankbare Themen, weil sie von Angst und Hoffnung, Glück und Schicksal handeln und viele Menschen betreffen.

Wie berichten Sie über bioethische Themen?
Christoph Fischer, BILD: Die BILD Zeitung kann sich vor Interview-Angeboten nicht retten, denn interessierte Kreise aus Wirtschaft und Forschung treiben die Berichterstattung über Biomedizin voran. Wir geben weiter, was Gesprächspartner bzw. Pressestellen uns an Neuem mitteilen. Da bei bin ich auf deren Lauterkeit, Glaubwürdigkeit und Kompetenz angewiesen. Kommt mir eine Geschichte allerdings merkwürdig vor, kille ich sie — so schwer das einer Boulevard-Zeitung fällt, die ja von Schlagzeilen lebt.

Wie wählen Sie Experten aus?
Christian Schwägerl, Frankfurter Allgemeine Zeitung: Wir wollen die Neuigkeiten zuerst sachlich und allgemeinverständlich darstellen. Dann widmen wir uns der Bewertung und Kommentierung. Experten, die in der FAZ zu Wort kommen, müssen zu den Besten ihres Faches gehören und sich durch eigene wissenschaftliche Veröffentlichungen zu dem jeweiligen Thema ausgezeichnet haben.

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