Organtransplantation
Einfach so leben
Hirn oder Herz — wann bist du tot?
Erst wenn ein Mensch gestorben ist, dürfen Organe für eine Organtransplantation entnommen werden. Doch der Zeitpunkt, wann jemand als tot gilt, ist nicht so leicht zu bestimmen. Außerhalb der Transplantationsmedizin geht man davon aus, dass ein Mensch gestorben ist, wenn sein Herz schon eine Weile nicht mehr schlägt und auch andere Todeszeichen auftreten, wie das Erkalten des Körpers, Muskelstarre, Leichenflecken, Herztod. Doch wenn ein Mensch bereits all diese Symptome aufweist, sind seine Organe zu stark geschädigt, um sie noch an einen anderen Menschen weiterzugeben. Für eine Transplantation muss der Mensch zwar als unwiderruflich tot gelten, seine Organe aber noch lebensfähig sein. Das ist der Fall, wenn das Gehirn nicht mehr arbeitet, die Herz- und Kreislauffunktion jedoch durch Beatmung und Medikamente künstlich aufrechterhalten werden. Nur wenn das Herz noch schlägt, können die Mediziner frische und damit verpflanzbare Organe gewinnen. 1968 einigte man sich international darauf, dass der Hirntod als Tod eines Menschen gilt. Dieses Hirntod-Konzept ermöglichte erst die heutige Transplantationspraxis. Um sicher zu gehen, dass der Hirntod tatsächlich eingetreten ist, müssen bei einer Transplantation vor der Organentnahme zwei unabhängige Experten das Fehlen der Hirnströme beim Spender prüfen. Doch es bleiben Fragen und Widersprüche. Warum geben die meisten Klinikärzte Organspendern Beruhigungsmittel bzw. eine Vollnarkose, wenn die Menschen doch tot und empfindungslos sind? Warum können Hirntote sich noch, wie häufig beschrieben, bewegen? Für Transplantationsmediziner sind dies nichts als Reflexe.
Ist es nur das Hirn, das unser Lebendigsein ausmacht?
Es gibt jedoch eine Reihe von Ärzten, die das Fehlen jeglicher Hirnfunktionen nicht mit dem Tod des ganzen Menschen gleich setzen. Sie sehen den Hirntod lediglich als ein Stadium im Sterbeprozess. Der Herzspezialist Prof. Linus Geisler aus Gladbeck spricht deshalb von einer Phase im Leben
. Andere Kritiker wie Franco Rest gehen noch weiter. Den Hirntod gibt es überhaupt nicht
, sagt der Dortmunder Professor. Er ist eine Erfindung der Transplantationsmedizin.
Allerdings markiert er — da sind sich die Experten einig — eine endgültige Grenze. Wenn das Gehirn die Arbeit eingestellt hat, kehrt man nicht mehr ins Leben zurück.
Das Herz — nur ein Muskel?
Manche sagen: "Das Herz ist nur ein Muskel." Andere sagen: "Im Herzen sitzt die Seele." Sammle Redewendungen, die das Herz aus verschiedenen Sichtweisen beleuchten.
Was ist das Herz für dich? Diskutiert die unterschiedlichen Standpunkte!
" Haben Sie ein Herz für mich?"
Reinhard Keller (Name geändert) wartet nun schon seit 300 Tagen auf sein neues Herz. Jeden Tag hofft er auf den Anruf aus Leiden in den Niederlanden. Dort sitzt die zentrale Vermittlungsstelle Eurotransplant, die für Deutschland, Holland, Frankreich, Belgien (Benelux), Slowenien und Kroatien Organe vermittelt. 12.000 Menschen stehen zur Zeit auf der Warteliste. Manchmal kann es lange dauern, bis das richtige Herz, die richtige Niere oder Leber gefunden wurde. Denn es muss alles stimmen, um das Risiko einer Organtransplantation so gering wie möglich zu halten. Nicht nur die Blutgruppe muss identisch sein, auch Alter, Gewicht und Größe des Spenders müssen in etwa dem des Empfängers entsprechen.
Organe für Aids-Kranke?
Es gab immer wieder Streit um die Frage, nach welchen Kriterien die knappen Organe vergeben werden sollen.
Nichtraucher, HIV-Infektion oder Elternschaft — was könnten Kriterien für die Verteilung von Organen sein?

"Einfach so atmen"
Seit sieben Jahren lebt Lyn Dorsch mit einer neuen Lunge. Sie war 19, als sie sich zur Organtransplantation entschloss. Der Grund war ein Lungenemphysem, eine fortschreitende und unheilbare Überblähung des Organs. "Meine Lunge", sagt sie, "war durchlöchert wie ein Schweizer Käse." Irgendwann verbrachte sie mehr Zeit im Krankenhaus als zu Hause oder in der Schule. Schließlich konnte sie sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen, musste nachts beatmet werden. "Das war so, als wenn ein gesunder Mensch nur durch einen Strohhalm atmet."
Vom Kopf her war der Dortmunderin schon lange klar, dass sie transplantiert werden wollte; aber der Bauch sagte lange Zeit Nein. "Meine Krankheit war nicht mein Feind. Sie gehörte einfach zu meinem Leben." Doch von einem auf den anderen Tag änderte sich dies, und sie dachte: "Wovor rennst du eigentlich weg?"
Als sie nach fünf Tagen das erste Mal aufstehen konnte, das war ein Moment, der war mit nichts anderem vergleichbar in meinem Leben. Ich hatte mir gar nicht mehr vorstellen können, wie das war, normal zu atmen.
Zum zweiten Mal geboren
Manche Transplantierte feiern den Tag der Organverpflanzung als zweiten Geburtstag, fühlen sich wie zum zweiten Mal geboren. Lyn Dorsch sieht es etwas nüchterner: "Es war ein kompletter Neuanfang. Aber das alte Leben streift man nicht so einfach ab. Nach einer Transplantation ist man ja nicht gesund. Man tauscht nur eine schlimme Krankheit gegen eine nicht ganz so schlimme ein." 20 Medikamente muss sie jeden Tag schlucken, mehr als früher. Die einen sollen die stets drohende Gefahr einer Abstoßungsreaktion gegen das neue Organ in Schach halten, die anderen sind gegen die Nebenwirkungen dieser Medikamente. Wie groß ihre Überlebenschancen sind, dazu haben sich die Ärzte nicht geäußert. Für jeden Patienten ist das Risiko anders. Doch die Statistik ist ernüchternd: Die durchschnittliche Überlebensrate für Lungentransplantierte beträgt 70 Prozent nach zwei Jahren und 25 Prozent fünf Jahre nach der Operation.
Auch Lyn Dorschs Körper hat schon ein paar Mal versucht, den Fremdkörper in ihrem Brustkorb loszuwerden. Auch im Moment geht es ihr nicht so gut. Aber ich bin nicht im roten Bereich
, sagt sie. Dass sie sich ihres Lebens nicht so ganz sicher sein kann, das kennt sie seit ihrer Kindheit. Lieber nach vorne blicken.
Pillen fürs Immunsystem?
Im Text links berichtet Lyn Dorsch über die drohende Abstoßungsreaktion ihres Körpers. Dafür bekommt sie so genannte immunsuppressive Medikamente.
Informiere dich über ihre Wirkungsweise und Nebenwirkungen!
Mehr als Geben und Nehmen?
Recherchiere im Internet nach Erfahrungsberichten von Angehörigen von Organspendern und Transplantierten. Welche Konflikte und Nöte haben sie?
Schlagzeilen
Eine Niere für die Weltreise
Der Konstanzer Wirtschaftswissenschaftler Prof. Friedrich Breyer fordert einen staatlich organisierten Organmarkt. Seiner Ansicht nach könnten wie bei jedem anderen Gut auch hier Angebot und Nachfrage den Markt am besten regeln. In diesem Fall denke ich an Menschen, die bereit sind, für sagen wir mal 100.000 Euro auf eine ihrer Nieren zu verzichten.
Breyer hält es für absolut legitim, dass jemand eine Niere verkauft, um sich eine Existenz aufzubauen oder um sich etwas leisten zu können, was er sich mit dem normalen Einkommen nicht leisten kann, zum Beispiel eine Weltreise
.
"Organe gegen Geld", ARD, 29. Januar 2003
Organhandel aufgeflogen
Turin/Rom (dpa) Die Staatsanwaltschaft der norditalienischen Stadt Turin hat einen skandalösen Organhandel in Italien aufgedeckt. Mindestens fünf arbeitslose oder verschuldete Menschen aus Süditalien haben eine Niere an wohlhabende Fremde verkauft, berichtete die römische Zeitung "La Repubblica". Empfänger seien Geschäftsleute und Unternehmer gewesen. Gegen sie werde nun wegen schwerer Körperverletzung ermittelt. Pro Niere sollen sie zwischen 20.000 und 65.000 Euro bezahlt haben. Unter den Geschädigten ist eine Witwe mit zwei Kindern, die nicht mit ihrer Mindestrente auskam.
Wiesbadener Kurier vom 29. 6. 1999
Geld verdienen mit Organen?
Einige Ärzte schlagen vor, Lebendspender mit Geld zu belohnen. Findest du das richtig?
Diskutiert, welche Gefahren entstehen könnten!
O-Töne
Sinn des Lebens
Ein Transplantationsmediziner: Durch die Organspende bekommt der Tod eines Menschen im nachhinein einen Sinn. Sie ist wie ein Geschenk an einen anderen Menschen und auch ein Trost für die Angehörigen des Verstorbenen.
Kein Abschied
Mutter eines Organspenders: Wir sahen unser Kind im Leichenkeller wieder. Bei seinem Anblick glaubte ich zunächst an einen Irrtum, so entstellt war sein zuvor unverletztes Gesicht. Ich hatte bis dahin schon Sterbende begleitet und in das Gesicht Verstobener geschaut, ich kannte den friedlichen und entspannten Gesichtsausdruck, der sich oft bei Verstorbenen einstellt. Das Gesicht meines Kindes war ganz klein geworden, die Lippen, seine schönen vollen Lippen, waren zusammengebissen, der Gesichtsausdruck sah nach Schmerzen aus. Wir liefen stumm und ohne Abschied von unserem Kind davon.
Großzügiges Geschenk
Ein Organempfänger: Ohne die Bereitschaft eines mir unbekannten Menschen würde ich heute nicht mehr leben. Mein Herz hätte vor Jahren aufgehört zu schlagen. Und wenn ich heute auf die Zeit nach meiner Transplantation zurückblicke, so muss ich heute klar und deutlich sagen: Auf diese Zeit möchte ich auf keinen Fall verzichten, und ich hoffe, dass es noch viele Jahre so bleiben wird. Dies habe ich ‚meinem Spender’ und seinen Angehörigen zu verdanken.
Kein würdevolles Sterben
Eine Pflegerin: Während der Organentnahme wird der Kreislauf künstlich aufrecht erhalten. Wenn dies schwierig wird, "dann wird ordentlich nachgeholfen, um alle Organe, die man braucht, mit Sauerstoff zu versorgen. Würdevolles Sterben ist das nicht, menschliches auch nicht. Ich wollte so nicht sterben.
Organspender — ja oder nein?
Wann und wie man einer Organspende zustimmt bzw. wie man sie ausschließt, ist in den verschiedenen Ländern ganz unterschiedlich geregelt.
Recherchiere, welche beiden Möglichkeiten es gibt und welche Lösung in Deutschland gilt. Diskutiert, welche Vor- und Nachteile die Bestimmungen haben!
Filme
21 Gramm
Ein Mathematikprofessor ist nach einer Herztransplantation besessen, ausgerechnet die Witwe des Spenders kennen zu lernen, einzige Überlebende der Familie, die ihren Verlust mit Drogen und Alkoholexzessen betäubt.
USA 2003, Regie: Alejandro González Iñárritu, 125 Minuten.
Alles über meine Mutter
Der 17-jährige Esteban kommt bei einem Unfall ums Leben, und seine Mutter soll entscheiden, ob er Organspender werden soll oder nicht.
Spanien 1999, Regie: Pedro Almodóvar, 97 Minuten.






