Grundsätzliches zur Bioethik
Was ist Bioethik?
Was heißt Ethik?
Schon immer haben sich Philosophen mit der Frage beschäftigt, wie Menschen handeln sollen: Was sollen oder dürfen wir tun — und was nicht? Was ist gut, was ist schlecht? Was ist richtig, was ist falsch? Und was sind die Gründe dafür? Gibt es Gesetze für richtiges und gutes Handeln? Sind solche Gesetze von der Natur oder von Gott gegeben, oder müssen wir sie selber aufstellen? Der Teil der Philosophie, der solchen Fragen nachgeht, heißt Ethik.
In vielen Dingen handeln wir einfach so, wie es uns Eltern, Großeltern oder andere Menschen beigebracht haben. Wir entwickeln aber auch neue Vorstellungen davon, was richtig ist — zum Beispiel was Heiraten, Sexualität oder den Umgang mit Autoritäten angeht. Solche Handlungsnormen und Wert vorstellungen nennt man Moral. Sie kann in verschiedenen Familien, Dörfern, Ländern oder Religionen unterschiedlich sein und verändert sich im Laufe der Zeit. Ethik bedeutet, darüber nachzudenken, welche Moral die richtige ist und warum.
Das Schwierige an Ethik-Diskussionen ist, dass es nicht "die eine Wahrheit", kein eindeutiges "richtig" und "falsch" gibt, das sich "beweisen" ließe. Vieles ist Glaubens- oder Überzeugungssache. Normen und Werte beruhen meist auf langer Tradition und werden von Menschen gesetzt — oft unter Berufung auf religiöse Überzeugungen oder Vorschriften wie die zehn Gebote.
Ethik und technischer Fortschritt
Mit der Weiterentwicklung der Technik haben wir Menschen unsere Handlungsmöglichkeiten vervielfacht. In vielen Dingen sind wir nicht mehr auf das angewiesen, was die Natur uns bietet, sondern können selber Einfluss nehmen und verändern damit unsere Umwelt dramatisch. Die Techniken, mit denen wir arbeiten, werden immer komplizierter und ihre Folgen unübersehbar. Wir bekämpfen Krankheiten, schaffen Pflanzen und Tiere mit neuen Eigenschaften und zeugen Menschen im Reagenzglas. Damit sind völlig neue ethische Fragen und Probleme aufgetaucht, für die es keine überlieferten Entscheidungsmuster gibt.
MEINUNGEN IM WANDEL?
Beispiel Schönheitsoperationen: In deiner Klasse gibt es dazu sicherlich unterschiedliche Auffassungen.
Woher stammen deine Argumente: von Eltern, Freunden, Lehrern, aus dem Fernsehen oder aus Büchern? Glaubst du, dass eine Schulklasse vor zwanzig Jahren dieselben Meinungen zusammengetragen hätte?
Worum geht es in der Bioethik?
Bio kommt von dem griechischen Wort bios und bedeutet "Leben". Entsprechend bezieht sich die Bioethik im weiteren Sinn auf alle in der Natur lebenden Organismen. Dazu gehört auch die ökologische Ethik, in der es um unseren Umgang mit der Natur allgemein geht.
Bioethik im engeren Sinn beschäftigt sich mit allen Fragen, die das Leben der Menschen betreffen, von der Zeugung über die Geburt bis zum Tod. Die Bioethik stellt grundsätzliche Fragen zu dem, was in diesen Bereichen geschieht, zum Beispiel:
- Ein Mensch fällt ins Koma und wird 15 Jahre lang künstlich am Leben erhalten — sollte die Medizin immer alles tun, um einen Menschen am Leben zu erhalten? Dürfen wir alles tun, was technisch möglich ist?
- Wollen wir alles wissen, was wir wissen könnten? Wie sinnvoll sind zum Beispiel Gentests, die Auskunft geben sollen über die Wahrscheinlichkeit, eine bestimmte Krankheit zu bekommen?
- Ärzte, Richter oder Politiker — wer darf darüber entscheiden, was wir dürfen und was nicht? Welchen Handlungsspielraum haben wir selbst?
Natur statt Moral?
In Diskussionen über Bioethik wird oft versucht, Verhaltensnormen aus der Natur abzuleiten. Andere sagen dagegen, der Mensch solle nach Werten handeln, die er sich selber gesetzt hat, etwa der Nächstenliebe. Es sei menschlich, Schwächeren zu helfen, Krankheiten zu bekämpfen und sich gegen Schmerzen und Kälte zu schützen.
Auf der Website www.1000fragen.de fragt S. F. aus Stuttgart: "Auch schlechtes Erbgut wird weitervererbt, wenn Todkranke durch Gentechnik, OPs etc. leben können. Stirbt der Mensch mittelfristig dadurch aus, werden wir immer schwächer und kränker? Warum lassen wir der Natur nicht ihren freien Lauf? Survival of the fittest!" Dagegen schreibt A. T.: "In der Steinzeit haben die Menschen der Natur freien Lauf gelassen und mit dem gelebt, was sie hatten. Wollen Sie so leben? Das heißt: Ohne Medikamente, ohne Narkosemittel, ohne Heizung im Winter und natürlich auch ohne Strom und Internet?"

Survival of the fittest?
Überlege, welche Konsequenzen diese Denkweise etwa für das Heilen von Krankheiten hat.
Wir diskutieren und entscheiden über Bioethik ...
Es gibt verschiedene Bereiche und Situationen, in denen Entscheidungen über Fragen der Bioethik getroffen werden müssen:
... in der Gesellschaft
Es müssen gesetzliche Grundlagen für das Handeln in Krankenhäusern, Wissenschaft und Forschung geschaffen werden. Dies ist nicht allein eine Aufgabe von Parlamenten, sondern viele verschiedene Gruppen müssen beteiligt werden. Zum Beispiel Wissenschaftler und Philosophen, die Medien, aber auch die Politik mit Kommissionen und Diskussionsforen wie Ethikräten oder Bürgerkonferenzen. In diesen Kommissionen arbeiten "Expertinnen" und "Experten" aus verschiedenen Bereichen zusammen: Naturwissenschaftler, Ärzte, Theologen, Philosophen, Juristen, Politiker und so genannte "Laien".
... in der Medizin
Wenn es zum Beispiel bei schwerkranken Menschen um den Einsatz von lebensverlängernden Maßnahmen geht, wird von Ärzten, Patienten oder Angehörigen entschieden, was zu tun ist. Sie können im persönlichen Gespräch die Bedürfnisse und moralischen Standpunkte der Betroffenen diskutieren und gemeinsam die jeweiligen Handlungsmöglichkeiten ausloten. In manchen Krankenhäusern gibt es Ethikkomitees, die Ärzte und Patienten bei schwierigen Entscheidungen beraten.
... in der Forschung
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Universitäten und in der Industrie, die Forschungen am Menschen durchführen wollen oder in anderen "kritischen" Bereichen forschen, müssen sich von Ethikkommissionen an den Universitäten und Ärztekammern beraten lassen.
Ethik als Teamarbeit?
Recherchiere im Internet, welche Ethikräte und Bürgerkonferenzen es gibt.
Haben sie nur Beratungsfunktion, oder ist die Politik bzw. Wissenschaft an ihre Empfehlungen gebunden?
Welche Antworten können wir geben?
Bioethik ist ein ständiger Diskussionsprozess, in dem auch ganz grundsätzliche Fragen immer wieder neu diskutiert werden, zum Beispiel:
Welche Werte sind uns wichtig?
Dürfen oder müssen beispielsweise auch wirtschaftliche oder politische Argumente eine Rolle spielen? Ein Beispiel: Damit Deutschland wettbewerbsfähig bleibt, müssen auch in Deutschland die Voraussetzungen für den Einsatz der Biotechnologie und Gentechnik geschaffen werden. Nur wenn wir ausreichend Freiräume für Wissenschaft und Praxis gewährleisten, kann Deutschland eine eigene Biotechnologie aufbauen, statt anderen das Feld zu überlassen und die Versäumnisse ‚per Import einzukaufen’.
Ricardo Gent, Geschäftsführer der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie
Allgemeine Regeln oder Einzelfall?
Kann man allgemeine Regeln aufstellen, oder muss man immer den Einzelfall betrachten? Wie beurteilst du folgende Aussagen zur medizinischen Versorgung von Schwerstkranken? Welche Vor- und Nachteile haben die beiden Vorschläge?
- "Es wäre für alle Beteiligten das Beste, wenn es feste Regeln für den Einsatz von lebensverlängernden Maßnahmen gäbe, nach denen bei einem bestimmten Krankheitsbild auf eine festgelegte Weise zu verfahren ist."
- "Jeder Mensch ist anders, deshalb sollte man immer den individuellen Fall betrachten und je nach Situation entscheiden."
Der Zweck heiligt die Mittel?
Ist es wichtig, dass eine Handlung selbst moralisch ist? Oder kommt es nur auf deren Folgen an? Stell dir vor: Für die Entwicklung einer neuen Behandlungsmethode gegen Krebs sollen Versuche an tödlich erkrankten Krebspatienten durchgeführt werden. Es ist nicht bekannt, welche Risiken die Versuchspersonen eingehen. Fest steht aber, dass diese selbst nicht davon profitieren werden. Mit dem Argument, sie könnten dazu beitragen, dass später anderen Kranken mit dem neuen Verfahren geholfen werden könne, werden Freiwillige gesucht. In welchem Verhältnis stehen Zweck und Mittel in diesem Beispiel? Wie beurteilst du die Idee, dass todkranke Menschen sich für ein nicht ungefährliches Experiment zur Verfügung stellen sollen, aus dem sie selber jedoch keinen Nutzen ziehen werden?






