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Eugenik

Zusammenfassung

Wer darf leben — und wer nicht? Im Mittelpunkt stehen die Möglichkeiten der Selektion, die mit den neuen Technologien und insbesondere der Pränataldiagnostik einher gehen. Das Kapitel führt an die Geschichte der Eugenik heran und regt an, über moderne Formen der Bewertung und Auslese von Leben nachzudenken und zu diskutieren. Dabei geht es sowohl um individuelle Einzelentscheidungen wie auch um politische Maßnahmen und Programme der Gegenwart.

Darwin und die Anfänge der Eugenik

Die Evolutionstheorie von Charles Darwin legt mit dem Prinzip der "natürlichen Selektion" den Grundstein für das eugenische Denken. Unter den Wilden werden die an Körper und Geist Schwachen bald eliminiert; die Überlebenden sind gewöhnlich von kräftigster Gesundheit. Wir zivilisierten Menschen hingegen tun alles Mögliche, um diese Ausscheidung zu verhindern. Infolge dessen können auch die schwachen Individuen der zivilisierten Völker ihre Art fortpflanzen. Niemand, der etwas von der Zucht von Haustieren kennt, wird daran zweifeln, dass dies äußerst nachteilig für die Rasse ist. (Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen, 171 f.)

Francis Galton, ein Vetter von Charles Darwin, beginnt in den 1870er Jahren damit, die biologische Verbesserung des Menschen wissenschaftlich zu begründen. Er unterscheidet zwischen positiver Eugenik, die zum Ziel hat, "gute" Erbanlagen in der Bevölkerung zu vermehren, und der "negativen" Eugenik, die versucht, "schlechte" Erbanlagen in der Bevölkerung zu beseitigen. Seine Ideen verbreiten sich schnell. In einigen Staaten werden bis zur Jahrhundertwende eugenische Fachgesellschaften gegründet; ab 1910 etabliert sich die Eugenik als Disziplin an Universitäten.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts werden eugenische Ideen auch in die Praxis umgesetzt: Der US-Bundesstaat Indiana verbietet "Epileptikern, Schwachsinnigen und Geistesschwachen" bereits 1896 gesetzlich die Heirat. Ab 1907 erlassen insgesamt 33 US-Bundesstaaten Sterilisationsgesetze, auf deren Grundlage bis 1974 rund 60.000 Menschen in den USA zwangssterilisiert werden. In den 1920er und 1930er Jahren folgen die skandinavischen Staaten und die Schweiz mit ähnlichen Gesetzen; auch hier finden Zwangssterilisationen bis in die 1970er Jahre statt.

Eugenik als Wissenschaft

Wichtigster Wegbereiter der wissenschaftlichen Eugenik in Deutschland ist der Arzt und Biologe Ernst Haeckel, der die Arbeiten von Charles Darwin im deutschen Raum bekannt macht und bereits Ende des 19. Jahrhunderts beklagt: "Hunderttausende von unheilbar Kranken werden in unseren modernen Culturstaaten künstlich am Leben erhalten, ohne irgendeinen Nutzen für sie Selbst oder für die Gesamtheit." Die Tötung behinderter Neugeborener sieht er "als eine zweckmäßige, sowohl für die Beteiligten wie für die Gesellschaft nützliche Maßregel". Kurz darauf veröffentlicht der Arzt Wilhelm Schallmeyer seine Schrift "Vererbung und Auslese im Lebenslauf der Völker", in der er zwar Heirats- und Fortpflanzungsverbote propagiert, sich aber auch entschieden dagegen verwahrt, dass bestimmte Völker oder "Rassen" anderen überlegen seien.

Die Mehrheit der deutschen Eugeniker geht allerdings davon aus, dass die "Qualität der Erbanlagen" der Bevölkerung von deren "Rasse" abhängt. So etwa der Arzt Alfred Ploetz, der 1895 den Begriff "Rassenhygiene" prägt und wesentlich an der Organisierung der deutschen Eugenik beteiligt ist. Auf dem Soziologentag 1910 hält er ein viel beachtetes Referat, in dem er unter anderem auch eine Veranlagung zu Armut und Verelendung behauptet.

In den 1920er Jahren etabliert sich die Rassenhygiene an den Universitäten. Den ersten, in München eingerichteten, Lehrstuhl für Rassenhygiene übernimmt 1923 der Anthropologe Fritz Lenz. Er hatte gemeinsam mit Erwin Baur und Eugen Fischer 1921 den "Grundriss der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene" verfasst. Teile des in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus mehrfach aufgelegten Standardwerks fließen in Hitlers "Mein Kampf" ein. Auch die 1920 veröffentlichte Schrift des Psychiaters Alfred Hoche und des Strafrechtlers Karl Binding "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens" verwenden die Nationalsozialisten später als wissenschaftliche Legitimation. Die Autoren propagieren die Tötung von behinderten und kranken Menschen. Das Deutsche Reich könne es sich nicht leisten, "Lebensunwerte" durchzufüttern. Als 1927 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin gegründet wird, sind neben den wissenschaftlichen auch die akademischinstitutionellen Voraussetzungen für die nationalsozialistische Bevölkerungspolitik geschaffen.

Eugenik als politisches Programm

Im Nationalsozialismus wird die Vererbungsforschung an deutschen Universitäten etabliert. Viele Biologen und Mediziner machen als Eugeniker Karriere, Ärzte sind die Berufsgruppe mit den meisten NSDAP-Mitgliedern.

Die Nationalsozialisten fördern die Rassenhygiene als akademische Disziplin, weil sie wissenschaftliche Begründungen für ihre politischen Ziele liefert: Der "Erhalt der Rasse" eignet sich als Argument, um den Geburtenrückgang in den Griff bekommen (Einführung des Kindergeldes für Familien "guten Blutes" 1933, Gründung des Lebensborn e. V. zur Unterstützung von Müttern "guten Blutes" 1935) und die Fortpflanzung "Minderwertiger" zu verhindern. Das 1933 erlassene "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" verpflichtet den Hausarzt als "Hüter am Erbstrom der Deutschen", so genannte Erbdefekte bei den Gesundheitsämtern anzuzeigen. Bis 1939 werden etwa 350.000 als krank, behindert, "asozial" oder "schwachsinnig" erklärte Menschen zwangssterilisiert. Die 1935 erlassenen Nürnberger Gesetze verpflichten Heiratswillige, vor der Eheschließung eine Gesundheitsprüfung abzulegen. "Zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" werden zudem Ehen zwischen "Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes" mit Juden verboten; das Heiratsverbot gilt in der Praxis aber auch für so genannte Zigeuner und Schwarze.

Auch die so genannte "Aktion T 4" geht auf rassenhygienisches Gedankengut zurück. Ab 1939 wird in der Berliner Tiergartenstraße 4 der Massenmord an mindestens 120.000 Insassen von Heil- und Pflegeanstalten zentral organisiert. Die Patienten werden in sechs eigens errichtete Tötungsanstalten verlegt und zunächst mit Medikamenten getötet. Ab 1940 folgt die Ermordung in Gaskammern. Nach dem offiziellen Abbruch der Aktion 1941 werden Anstaltsinsassen weiterhin durch systematischen Nahrungsentzug und Medikamente umgebracht.

Neue Eugenik

Heute gibt es kein staatliches Erbgesundheitsprogramm mehr. Aber es scheint eine neue "freiwillige" Eugenik zu geben. In der Schwangerschaftsvorsorge wird mit Ultraschalluntersuchungen und Bluttests nach Hinweisen für eine Behinderung des Kindes gesucht. Paare können sich von Humangenetikern beraten lassen, wie hoch ihr Risiko ist, ein behindertes Kind zu bekommen. Die vorgeburtliche Diagnostik kann helfen, dass sie kein behindertes Kind bekommen. Es schreibt den zukünftigen Eltern aber niemand vor, ob sie sich für oder gegen ein behindertes Kind entscheiden sollen. Sie sollen informiert und selbstbestimmt entscheiden.

Behinderte Menschen sehen darin, dass es die humangenetische Beratung und die vorgeburtliche Diagnostik überhaupt gibt, den Ausdruck von Behindertenfeindlichkeit. Bräuchten wir die Beratung und Diagnostik, wenn wir die Geburt eines behinderten Kindes genauso schön fänden wie die eines nicht behinderten? Viele Eltern von behinderten Kindern erzählen, dass sie oft gefragt werden, ob "das" nicht vermeidbar gewesen wäre. Medizinsoziologen sagen, dass es heute zwar keinen direkten Zwang zur humangenetischen Beratung und vorgeburtlichen Diagnostik gibt. Es gibt aber offensichtlich einen gesellschaftlichen Druck, alles dafür zu tun, kein behindertes Kind zu bekommen, den werdende Eltern verspüren.

Humangenetik: Karrieren nach 1945

Viele Täter starteten nach 1945 eine neue Karriere: Als niedergelassene Ärzte, als Funktionäre in Krankenkassen und Ärzteorganisationen und als Wissenschaftler. Erst seit den 1980er Jahren wird die Geschichte der Humangenetik im Nationalsozialismus und der frühen Bundesrepublik untersucht.

Hans Harmsen, während des Nationalsozialismus Professor für Erbpflege, leitet einige Monate nach Kriegsende die Hamburger Akademie für Staatsmedizin, an der Amtsärzte ausgebildet werden. An der Hamburger Universität gründet er unter anderem die Deutsche Akademie für Bevölkerungswissenschaft, an die er Kollegen wie Hermann Arnhold holt; Arnhold war im NS als "Zigeunerexperte" im Reichssicherheitshauptamt tätig. 1952 wird Harmsen Vorsitzender von Pro Familia und sitzt in dieser Funktion im Beirat des Bundesfamilienministeriums.

Otmar Freiherr von Verschuer ist während des Nationalsozialismus Abteilungsleiter am Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik. Von 1938 bis 1942 leitet Verschuer das in Frankfurt neu gegründete Universitätsinstitut für Erbbiologie und Rassenhygiene. Der "Hauptinhalt der deutschen Rassenpolitik" liege "in der Judenfrage", so Verschuer in seinem Buch "Leitfaden der Rassenhygiene"; da weder Assimilierung noch Ghettoisierung das Problem gelöst hätten, sei "eine neue Gesamtlösung des Judenproblems" notwendig. Nach 1945 wird er von den Alliierten als Mitläufer eingestuft und wird 1951 auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Humangenetik an der Universität Münster berufen. Bis zu seinem Tode 1969 baut er dort eines der größten Zentren humangenetischer Forschung in Deutschland auf.

Hans Nachtsheim wird 1941 Leiter der Abteilung für experimentelle Erbpathologie am Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie. Er beteiligt sich an Unterdruck-Experimenten mit Kindern, forscht an Augen von in Auschwitz ermordeten Menschen und weiß um die Menschenversuche in der Tuberkuloseforschung. Im Nürnberger Ärzteprozess entgeht er einer Verurteilung. Nach Kriegsende wird er Professor für Genetik an der Berliner Universität und Direktor des Instituts für Genetik. 1949 übernimmt Nachtsheim eine Professur für Allgemeine Zoologie und Genetik. Er leitet bis 1960 das Institut für vergleichende Erbbiologie und Erbpathologie der Max-Planck-Gesellschaft

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