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Biomedizin und Wirtschaft

Zusammenfassung

Ökonomische Motive und die Rolle der staatlichen Förderpolitik für die Entwicklungsrichtungen gentechnologischer Forschung sind Thema dieses Kapitels. An Beispielen wird die wirtschaftliche Bedeutung der biomedizinischen Forschung diskutiert und zu ihrem medizinischen Nutzen in Beziehung gesetzt. Ein Thema ist dabei auch, wie der menschliche Körper durch ökonomische Interessen in der Forschung zum Rohstoff wird.

Die Liberalisierung der medizinischen Forschung

Seit dem Jahr 2000 ist die staatliche Förderung der biomedizinischen Forschung vor allem auf wirtschafts- und strukturpolitische Ziele ausgerichtet. Damals beschlossen die Staaten der EU die so genannte Lissabon-Strategie: Bis 2010 soll die EU die dynamischste Wirtschaftsregion der Welt werden. Die Förderung von Wissenschaft und Forschung steht dabei im Zentrum; ihre ökonomischen Potenziale sollen entfaltet werden.

In der Bundesrepublik begann diese Sichtweise auf Wissenschaft als Standortfaktor bereits Mitte der 1990er Jahre. 1995 rief das Bundesforschungsministerium (BMBF) das Deutsche Humangenomprojekt (DHGP) ins Leben. Ziel dieses Förderprogramms war es, die wirtschaftliche Bedeutung der Forschung zu stärken. Ökonomische Anreize sollten die weitgehend an staatlichen Universitäten angesiedelten und damit zuwendungsabhängigen Forschungsprojekte zu Unternehmensgründungen veranlassen. Diese Liberalisierung und Entstaatlichung der medizinischen Forschung wurde mit öffentlichen Mitteln finanziert und begünstigte große Pharmaunternehmen; alle im DHGP geförderten Forschungsprojekte mussten sich verpflichten, Forschungsergebnisse einer eigens eingerichteten Patentagentur (PLA) vorzulegen. Die Agentur wurde von dem Ende 1996 gegründeten "Verein zur Förderung der Humangenomforschung" getragen, dem die Unternehmen ASTA Medica, BASF, Bayer, Boehringer Ingelheim, Boehringer Mannheim, Hoechst, Merck und Schering angehören. Die ihnen übertragene Aufgabe, die Patentier- und Verwertbarkeit von Forschungsergebnissen aus dem DHGP zu überprüfen, ermöglichte den Unternehmen einen direkten Zugriff auf aussichtsreiche Verfahren und Wirkstoffe: Ihnen stand zugleich ein Erstvertragsrecht mit den Forschern im DHGP zu. Die "Verbesserung des Transfers wissenschaftlicher Erkenntnisse in wirtschaftlich nutzbare Produkte und Verfahren", so heißt es auf der Homepage der Patentagentur, werde "langfristig zu neuen Arbeitsplätzen führen".

Prognosenwirtschaft

Welche gesamtwirtschaftliche Bedeutung biomedizinische Forschung und die daraus resultierenden Ergebnisse und Produkte tatsächlich haben, ist schwer abzuschätzen. Das hat mehrere Gründe. Viele Studien unterscheiden nicht zwischen Biotechnologie in der Medizin und in der Landwirtschaft. Auch existiert keine einheitliche Definition eines biotechnologischen Unternehmens. Und nicht zuletzt ist die Einschätzung der wirtschaftlichen Bedeutung davon abhängig, woran sie gemessen wird. So schwanken die Angaben über die Zahl der Unternehmen und die bestehenden Arbeitsplätze ebenso wie Angaben über Umsätze und Gewinne. Gemeinsam ist den verschiedenen Berechnungen nur, dass sie für die Zukunft ein stetiges Wachstum des Marktes vorhersagen.

Marktplatz Genom

Seit 2001 existiert das Nationale Genomforschungsnetz (NGFN). Es ist beim BMBF angesiedelt und wurde 2004 auf weitere drei Jahre verlägert. In dieser zweiten Phase stellt das NGFN 175 Millionen Euro für rund 300 Projekte zur Verfügung.

Von Anfang an hat es auch hier eine so genannte Technologie-Transfer-Stelle gegeben, die Forscherinnen und Forscher unterstützt. Ihr Name: Genome Marketplace. Die Abteilung hilft Forschungsteams bei Patentanträgen und nimmt die Vermarktung von Produkten in die Hand. Die im NGFN geförderten Forscherinnen und Forscher müssen einen so genannten Verwertungsplan ausarbeiten und zustimmen, dass alle "kommerziell relevanten Forschungsergebnisse" über das Internet zugänglich gemacht werden. "Die internationale Industrie erhält so einen klaren und gut sichtbaren Zugang zu lizenzierbaren Technologien und Materialien aus dem NGFN", heißt es auf der Internetseite der Koordinierungsstelle Technologie-Transfer.

Patente

Ob nun in der Forschungsabteilung eines großen Pharmaunternehmens, in einer Universitätsklinik oder in kleinen StartUp-Unternehmen — sobald sich in einem Forschungsprojekt marktreife Ergebnisse abzeichnen, wird ein Patentantrag gestellt. Auch für über 1000 Gene besitzen Unternehmen Alleinverwertungsrechte; in den USA waren im Oktober 2005 nach einem Bericht des Magazins Science sogar 20 Prozent aller menschlichen Gene patentiert.

Ein Beispiel ist das so genannte Brustkrebs-Gen BRCA 1. Mutationen dieses Gens werden für die Entstehung von familiär gehäuft auftretendem Brustkrebs verantwortlich gemacht. Die US-amerikanische Firma Myriad Genetics hielt ein Patent auf das Gen und verlangte für die Nutzung des Gentests Lizenzgebühren. Ausgenommen waren Forschungsprojekte. Weil die Deutsche Krebshilfe sieben Jahre lang ein groß angelegtes Forschungsprojekt zu BRCA 1 förderte, konnten in der Bundesrepublik Frauen aus Risikofamilien sich kostenlos testen lassen; die Krebshilfe übernahm die Kosten. Da keine Lizenzgebühren anfielen, lag der Preis bei etwa 1500 Euro pro Test. 2005 wurde der Test dann in die Regelversorgung übernommen, das heißt die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen. Wäre das Patent für BRCA 1 im Jahr zuvor nicht widerrrufen worden, würde Myriad Genetics jetzt Lizenzgebühren verlangen. Der Preis pro Test läge dann bei etwa 3500 Euro.

Der Körper als Rohstoff

Während sich die Genomforschung in den 1990er Jahren in der Hauptsache auf die Erfassung des Genoms beschränkte, geht es heute vor allem um die Funktionen der Gene und die Rolle, die sie bei der Entstehung von Krankheiten spielen. Das glaubt man am besten zu erforschen, indem man DNA-Proben möglichst vieler Menschen miteinander vergleicht und zu ihren Erkrankungen in Beziehung setzt. Deshalb gewinnen in den letzten Jahren Sammlungen biologischer Materialien, das heißt von Zellen, Gewebe oder DNA, zunehmend an Bedeutung — auch wirtschaftlich. Die Nachfrage nach solchen Sammlungen ist groß auf dem Forschungsmarkt, und so investieren nicht nur Unternehmen, sondern auch Regierungen in den Aufbau solcher Biobanken.

In Großbritannien will man ebenso wie in Estland nicht nur Gewebeproben, sondern auch Daten zu Lebensführung, Ernährungsgewohnheiten, psychischen Problemen etc. sammeln. Alles, was mit der Entstehung von Krankheiten in Zusammenhang stehen könnte, soll umfangreich erfasst werden.

Mit den wirtschaftlichen und kommerziellen Interessen an Proben- und Datensammlungen werden Körpersubstanzen zu einem Rohstoff. In der Bundesrepublik und in vielen anderen Ländern wird seit langem darüber gestritten, ob es überhaupt ein Eigentumsrecht an Teilen des eigenen Körpers geben kann — denn erst damit wird der Körper zu einer Sache, die man abtreten kann oder nicht. In der Praxis existiert dieses Recht aber längst: Um die gesammelten Proben und Daten ohne Einschränkung nutzen und Forschungsergebnisse verwerten zu können, werden Teilnehmer an Biobankprojekten aufgefordert, ihre Rechte an den Materialien abzutreten. Und in Estland unterschreiben Probanden eine Erklärung, in der sie das Eigentumsrecht an der Gewebeprobe, an der Beschreibung ihres Gesundheitszustandes, der Abstammung und anderen persönlichen Angaben an die Betreiber des Genomprojektes übertragen.

Land Geplante Probenanzahl derzeitige Probenanzahl
(Stand: 10 / 06)
Erhobene Daten seit Betreiber
Island 260.000
(gesamte Bevölkerung)
110.000 DNA Klinische Daten Stammbäume 1999 1999 Privates Unternehmen
Estland 100.000 10.000 DNA Klinische Daten Stammbäume Informationen zum Lebenswandel 2002 Staatliche Stiftung, demnächst Universitätsinstitut
Großbritannien 500.000
(45 bis 69 Jahre)
3.800 DNA Klinische Daten Stammbäume Informationen zum Lebenswandel Herbst 2006 Gesundheits-
ministerium, Medizinischer Forschungsrat, Wellcome Trust
Bundesrepublik 125.000
(Schleswig-
Holstein)
35.000 DNA Klinische Daten Informationen zum Lebenswandel 2003 Universität Kiel

Angewandte Genetik. Gene zwischen Mythos und Kommerz.

Kröger/Schulz/von Schwerin/Wagenmann (Hg.)
9 €

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