Forschung
Zusammenfassung
Medizinische Forschung ist auch immer Forschung am Menschen. Wenn neue Therapien und Medikamente getestet werden, birgt dies für die Testpersonen unter Umständen gesundheitliche Risiken. Deshalb wurden Kriterien "ethischer Forschung" aufgestellt, die auch in internationalen Verträgen festgehalten worden sind. Das Kapitel bietet einen Einstieg in grundlegende Fragen und Probleme der Forschungsethik sowie in die gesellschaftliche Bedeutung und Verantwortung von Forschung und Fortschritt.
Versuche am Menschen
Klonen, Gentherapie, Stammzellforschung — viele der Techniken, um deren Bewertung es in der Bioethik geht, befinden sich noch in der Grundlagenforschung oder in der klinischen Erprobung. Ob sie tatsächlich Therapieerfolge bringen werden, ist umstritten. Selbst Experten sind weit davon entfernt, die molekularen Mechanismen vollständig zu verstehen — und durch einen Eingriff können große Schäden angerichtet werden. Auf der anderen Seite setzen manche Menschen, vor allem wenn sie von schweren Krankheiten betroffen sind, große Hoffnungen in die Entwicklung dieser Technologien. Auch wenn es sich im Fall von Jesse Gelsinger (siehe Schülerheft) um einen besonders drastischen Fall handelt, zeigt er doch ein zentrales ethisches Problem medizinischer Forschung auf: Wenn neue Therapien entwickelt werden sollen, werden Menschen zu Versuchspersonen.
Wessen Forschung, wessen Fortschritt?
Medizinische Experimente führten auch zu dem medizinischen Fortschritt, wie wir ihn heute kennen: Beispielsweise ist die Säuglingssterblichkeit in Deutschland in den letzten fünfzig Jahren um rund neunzig Prozent gesunken. Was als medizinischer Fortschritt angesehen wird, ist aber manchmal sehr umstritten. Beispiel Röntgen: Die Röntgenstrahlung ist aus der modernen Medizin kaum wegzudenken. Erst nachdem viele der Röntgenpioniere und viele ihrer Patienten starben, erkannte man ihre Risiken.
Gestritten wird nicht nur darüber, welcher Fortschritt "gut" ist, sondern auch darüber, welche Forschung angesichts begrenzter Mittel gefördert werden soll. Der Parkinson-Patient und ehemalige Professor für Mikrobiologie Hans Zähner weist auf ethische Probleme solcher Verteilungsfragen hin: Eine von Stammzellen ausgehende Parkinsontherapie wird, auch wenn die Forschungskosten einmal wegfallen, eine extrem teure Therapie bleiben (…), die sich nur ein kleiner Teil der Patienten wird leisten können. Aus ethischen Gründen müsste man der Forschung für die Gesundheitsprobleme der 3. Welt — Aids, TB, Malaria etc. — die Priorität einräumen.
(aus: "Hoffnung und Bangen. Die Versprechungen der Stammzellforschung aus Sicht eines Parkinson-Patienten.” In: edition ethik kontrovers 10/2002 der Zeitschrift Ethik & Unterricht, Friedrich Verlag, Seelze)
Forschungspolitik in Deutschland
Was geforscht wird, ist immer auch eine Frage von politischen Entscheidungen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert nach bestimmten Kriterien. Eine wesentliche Bedingung ist dabei auch die wirtschaftliche Verwertbarkeit von Forschungsergebnissen. Gezielt unterstützt werden, vor allem in der Biotechnologie, Kooperationen zwischen Unternehmen und staatlich geförderten Einrichtungen, wie zum Beispiel Universitäten. Auch andere Bundesministerien und Einrichtungen der Bundesländer sowie der Europäischen Union sind in der Forschungsförderung tätig. Eine sehr starke Stellung in der deutschen Forschungsförderung hat die Deutsche Forschungsgemein schaft DFG, die wiederum in erheblichem Umfang aus Mitteln des BMBF finanziert wird. Daneben gibt es privatrechtliche Stiftungen, die im Stifterverband für die deutsche Wissenschaft organisiert sind.
In der deutschen Forschungspolitik wird die Biotechnologie als "Schlüsseltechnologie" betrachtet, also als eine Technologie, die Innovationsschübe für verschiedene Wirtschaftszweige liefern wird. Entsprechend werden Forschungsprojekte im biomedizinischen Bereich mit hoher Prioriät gefördert. Im Jahr 2004 nahm Deutschland in der Höhe der staatlichen Fördermittel, in der Zahl der Unternehmen und in der Zahl der Unternehmensgründungen in der Biotechnologiebranche eine Spitzenposition in Europa ein. Der überwiegende Teil der Firmen konzentriert sich dabei auf den Bereich der "Roten Gentechnik”, das heißt auf die medizinischen Anwendungen.
Forschung ohne Grenzen?
Die Freiheit der Forschung ist grundrechtlich (Artikel 5, Grundgesetz) geschützt. Forschungsfreiheit ist aber nicht absolut und muss gegen andere Grundrechte abgewogen werden. Außerdem zeigen verschiedene Gesetze, vom Tierschutzgesetz über das Embryonenschutzgesetz bis zu den Datenschutzgesetzen, der Forschungsfreiheit Grenzen auf. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft sieht darin eine unzulässige Einschränkung und betont immer wieder, dass dies zur Abwanderung deutscher Fachkräfte und Forscher ins Ausland führen wird.
Ein Beispiel aus dem bioethischen Bereich, bei dem über die Grenzen der Forschungsfreiheit intensiv gestritten wird, ist die embryonale Stammzellforschung. Zu Diskussion steht einerseits, ob Embryonen Menschenwürde besitzen — wenn ja, dann dürften sie nicht für Forschungszwecke bereit gestellt werden. Andere rseits wird darüber diskutiert, ob bei der Spende von Embryonen und Eizellen von einer freiwilligen Entscheidung gesprochen werden kann.
TIPP
Recherchetipp
Am 30. Januar 2002 fand im Bundestag eine historische Debatte statt: Es wurde über die Frage diskutiert, ob Forscher in Deutschland künftig mit menschlichen embryonalen Stammzellen forschen dürfen. Im Anschluss der Sitzung stimmten die Abgeordneten mehrheitlich dafür, den Import von embryonalen Stammzellen unter bestimmten Bedingungen zuzulassen. Bei der Abstimmung wurde, wie bei grundlegenden Entscheidungen über ethisch kontroverse Themen üblich, ausnahmsweise der Fraktionszwang aufgehoben. In der Debatte fielen viele der bis heute diskutierten Argumente. Sie sind im Protokoll der Sitzung nachzulesen www.bundestag.de
TIPP
Rollenspiel
Die Schülerinnen und Schüler bilden eine Ethikkommission und diskutieren die Frage, ob an embryonalen Stammzellen geforscht werden soll. Anregung: "Ihr habt für diese Diskussion einen Pro-Experten und einen Contra-Experten aus Deutschland eingeladen. Notiert die Argumente und wägt sie gegeneinander ab. Schreibt gegebenenfalls einen neuen Gesetzentwurf, der der Regierung vorgestellt werden soll." Das Embryonenschutzgesetz im Internet: www.bba.de
Ethische Richtlinien und Kommissionen
Ethikcodices sind internationale Vereinbarungen, die Mindeststandards für die Durchführung medizinischer Versuche am Menschen festlegen.
- Das Menschenrechtsübereinkommen zur Biomedizin des Europarates (Bioethikkonvention, 1997) legte erstmals einen Verhaltenskodex für gentechnische Eingriffe am Menschen fest und verbietet die Herstellung von Embryonen zu Forschungszwecken. Deutschland hat das Abkommen bislang nicht unterzeichnet, weil ein klares Verbot der Embryonenforschung fehlt und fremdnützige Forschung an so genannten nicht-einwilligungsfähigen Menschen unter bestimmten Bedingungen zugelassen wird.
- Der Nürnberger Kodex (1947) ist ein Katalog von Kriterien für medizinische Versuche, der vom Amerikanischen Militärgerichtshof anlässlich der Nürnberger Prozesse gegen 23 NS-Ärzte verfasst worden ist.
- Die Deklaration von Helsinki (1964) wurde vom Weltärztebund verabschiedet und mehrfach überarbeitet.
Auf die überarbeitete Version der Helsinki-Deklaration geht die Einrichtung von Ethik-Kommissionen zurück. Diese Gremien beruhen auf dem Prinzip des Peer-Review, der Begutachtung von Wissenschaftlern durch Kollegen, hinzu kommen Theologen, Geisteswissenschaftler und Juristen.
Ethikkommission im Brennpunkt
Eine kritische Einschätzung zu dieser Kontrollinstanz gibt Christian von Dewitz, Geschäftsführer der Ethikkommission des Berliner Universitätsklinikums Charité:
Herr von Dewitz, Ethikkommissionen wurden in den 70er Jahren als Folge von Medizinskandalen in den USA gegründet. Rund 52 gibt es davon in Deutschland. Nur mit einem Votum der Ethikkommission können biomedizinische Versuche durchgeführt werden. Das klingt doch eigentlich nach einer umfassenden Kontrollmöglichkeit …
von Dewitz: Theoretisch ja, praktisch nein. Die ehrenamtlichen Mitglieder (Ärzte, Pharmakologen, Juristen) kennen sich längst nicht auf allen Gebieten aus. Zudem sind sie selbst Forscher und direkte Kollegen der Antragsteller und geraten deshalb in einen Loyalitätskonflikt. Und: Kliniken sind immer mehr auf Finanzierung von außen angewiesen. Da Forschungsaufträge viel Geld einbringen, kann das die Entscheidung der Kommission außerdem beeinflussen.
Sie haben öffentlich den Alltag in ihrer Ethikkommission kritisiert. Was läuft da falsch?
von Dewitz: Da herrscht zu viel Druck. Rund 240 Forschungsvorhaben sind im Jahr zu begutachten, und pro beantragter Studie kann sich die Kommission nur knapp 20 Minuten Zeit nehmen.
Was fordern Sie?
von Dewitz: Arbeit in einer Ethikkommission muss professionalisiert werden und die Beteiligung von Fachleuten zur Pflicht. Die Voten des Gremiums müssen öffentlich gemacht werden, damit sie überprüft werden können. Insgesamt ist eine breite gesellschaftliche Diskussion über den Sinn und Unsinn medizinischer Versuche nötig.
Gentherapie-Studien in Deutschland.
www.pei.de
Jesse Gelsinger und die französische Gentherapie-Studie.
www.gen-ethisches-netzwerk.de
Der Förderkatalog des BMBF
www.foerderkatalog.de
Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft
www.dfg.de
Informationen und Hintergründe Stammzellforschung
www.das-parlament.de
Der Nürnberger Kodex und seine Folgen
www.ippnw.de
Deklaration von Helsinki
www.bbiks.de
Das Institut Mensch, Ethik, Wissenschaft (IMEW) wird von neun Verbänden der Behindertenhilfe und Selbsthilfe getragen
www.imew.de
Stammzellforschung. Im Namen der Patienten? Gen-ethischer Informationsdienst Nr. 175, zu beziehen über
www.gen-ethisches-netzwerk.de






