Gentechnologie und Klonen
Zusammenfassung
Was ist neu an der Gentechnologie im Unterschied zu anderen biotechnologischen Methoden? Das Kapitel bietet eine kurze Einführung in die grundlegenden Mechanismen der Gentechnik und des Klonens und zeigt, welche Vorstellungen, Wünsche und Ängste mit diesen Techniken verbunden sind. Positive wie negative Visionen von der "Macht der Gene" reichen dabei oft weiter als der Stand der Forschung, denn: Das Zusammenspiel zwischen Genen, Zellen und der Umwelt ist sehr kompliziert.
Alles genetisch?
Vorstellungen vom Körper, Krankheit und Gesundheit wandeln sich. So klagten Patienten im 18. Jahrhundert über "stockendes Geblüt"; wer krank war, wurde zum Aderlass gebeten. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert wich die Bedeutung des Blutes und der "Körpersäfte" medizinischen Theorien über das Immunsystem. Verändert hat sich auch, was unter einem Gen verstanden wird: In den 1970er Jahren bezeichneten Wissenschaftler mit diesem Begriff einen DNA-Abschnitt, der für die Codierung eines Eiweißes verantwortlich ist. Heute geht man davon aus, dass das Zusammenspiel zwischen Genen und Zellen sehr viel komplizierter ist und ein Gen nicht so eindeutig zu lokalisieren und abzugrenzen ist.
Der Wissenschaftshistoriker Thomas Kuhn hat für diesen Wandel der Vorstellungen folgende Erklärung: In der Wissenschaft herrscht in bestimmten Zeiten stets ein bevorzugtes Set an Modellen und Grundannahmen (Paradigmen) vor, von dem sich die Fachwelt bei ihren Forschungsfragen und Methoden leiten lässt. Fakten, die diesen Vorstellungen widersprechen, werden nicht ernst genommen, uminterpretiert oder als Irrtum abgetan.
Erst wenn sich die Widersprüche häufen und gleichzeitig eine neue Denkschule entsteht, die der Fachwelt mehr pragmatische Vorteile für die eigene Arbeit bieten kann, können sich neue Grundannahmen durchsetzen. Theorien werden also laut Kuhn erst verworfen, wenn sie ihren Zweck nicht mehr erfüllen. Rückblickend wird dieser historische Prozess als Fortschritt wahrgenommen.
Die Erfindung des Gens
1905 suchte der dänische Biologe Wilhelm Johannsen ein "bequemes kleines Wort", um die Vererbungslehre Gregor Mendels zu beschreiben. Nach der Lehre Mendels legt die Regelmäßigkeit, mit der Lebewesen Eigenschaften an folgende Generationen weitergeben, nahe, dass es Vererbungseinheiten — als Träger der Erbanlagen — geben könne. Diese rein theoretisch angenommenen Einheiten bezeichnet man seit Johannsen als "Gene". Was der Blick ins Lexikon verschleiert: Der Versuch, eine einheitliche Definition für das Gen zu finden, ist sehr schwierig — zu unterschiedlich und unerforscht sind die damit bezeichneten Phänomene.
Wiederholt wurde von Genetikern gewarnt, dass sich der Begriff "Gen" verselbstständigen könne. So wies der Genetiker Raphael Falk 1984 darauf hin, dass das "Gen" nie entdeckt worden sei. Und der Wissenschaftsphilosoph Philip Kitcher schrieb, der Begriff Gen bezeichnet einfach alles, was ein Biologe als Gen bezeichnet
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Damit soll selbstverständlich nicht behauptet werden, dass das Gen-Modell jeder Grundlage entbehrt. Ein Modell ist aber immer eine stark vereinfachte Darstellung der Realität. Spätestens seit der Genom-Entschlüsselung gilt beispielsweise die Theorie als überholt, ein Gen sei jeweils verantwortlich für ein bestimmtes Protein: So können sich aus ein und derselben DNA-Sequenz verschiedene Proteine bilden; es gibt so genannte "springende Gene" und "überlappende Gene", die nicht eindeutig zu lokalisieren sind; das Zusammenspiel Gene — Zelle — Organismus — Umwelt ist weitaus komplizierter als gedacht.
TIPP
Recherche und Diskussion
Verschiedene medizinische Ansätze existieren in unserer Gesellschaft nebeneinander: Zum Beispiel können Kopfschmerzen aus Sicht der Schulmedizin und der chinesischen Medizin sehr unterschiedlich behandelt werden. Die Schülerinnen und Schüler recherchieren, worin die zentralen Unterschiede der beiden Heilansätze bestehen. Unter Einbeziehung von Kuhns Modell der Paradigmen sollen sie Vermutungen diskutieren, warum sich alternative Heilansätze gegen die klassische Medizin so wenig durchsetzen können.
Das "Alltags-Gen"
Die Biologin und Soziologin Silja Samerski hat anhand von genetischen Beratungsgesprächen untersucht, welche Vorstellungen das Reden über Gene transportiert und welche Handlungen daraus entstehen. Sie hat festgestellt, dass der Gen-Begriff im Labor und im Beratungsgespräch wenig miteinander gemeinsam haben. Das Gen wird durch das Beratungsgespräch zu einem realen, messbaren und beschreibbaren Objekt. "Eine statistische Wahrscheinlichkeit", schreibt Samerski, "wird im Alltag zu einem bedrohlichen, gefährlichen Risiko."
TIPP
Begriffe untersuchen
Die Schüler sammeln abstrakte Begriffe, die zu Schlagwörtern geworden sind und unsere Vorstellungen von der Welt, unser Lebensgefühl und unser Verhalten im Alltag prägen. Beispiele sind Globalisierung, Stress, Smog, Klimawandel. Was verbinden die Schülerinnen und Schüler damit? Wie zentral sind diese Begriffe für ihre Großeltern? Gibt es auch positiv besetzte Beispiele? Die Schüler sollen durch diese Aufgabe erkennen, dass abstrakte Begriffe oder Modelle durch ihre häufige Verwendung im Alltag zu scheinbar greifbaren Dingen werden können und dies kritisch reflektieren.
Gentechnik oder Gentechnologie?
Die Begriffe Gentechnik und Gentechnologie werden unterschiedlich gebraucht. Gentechnik beschreibt ein Verfahren, eine Produktionsform; wie die Begriffe Atomtechnik, Solartechnik, Umwelttechnik, scheint das Wort neutral. Dagegen verweist der Begriff Gentechnologie darauf, dass es einen gesellschaftlichen Kontext gibt, in dem sich bestimmte technischen Entwicklungen erst entwickeln konnten. Das Wort bezeichnet nicht nur die Technik selbst, sondern umfasst auch den "Logos", das Denken dahinter. Das soll heißen: Techniken sind nicht neutral. Sie entstehen aus bestimmten Denk- und Verhaltensweisen und sie beeinflussen wiederum selbst unser Denken und unser Menschenbild. Typischerweise wird der Begriff Gentechnik häufiger von Unternehmern und Anwendern benutzt, während der Begriff Gentechnologie vor allem in Politik und Ethik erscheint.
Einführend und kritisch
Gentechnologie,
von Sabine Riewenherm. Rotbuch Verlag, 150 Seiten,
7,60 €
Zur Bedeutung wissenschaftlicher Paradigmen
Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen,
von Thomas S. Kuhn. Suhrkamp Verlag, 240 Seiten,
10 €
Zum Gen-Begriff
Das Jahrhundert des Gens,
von Evelyn Fox-Keller. Campus Verlag, 240 Seiten,
21,50 €
Gut verständliche Gentechnikkritische Seite, die unter anderem ein Glossar zu gentechnischen Verfahren bietet.
www.cloning.ch
Zur alltäglichen Bedeutung des Gen-Begriffs siehe die "Freisetzung genetischer Begrifflichkeiten" von Silja Samerski






