Überlassen Sie Bioethik nicht Experten. Die Online-Bürgerdebatte von 2002 bis 2009.
Menschenbilder

Zusammenfassung

Unser Menschenbild ist sehr wandelbar. Gerade bei Fragen der Bioethik hängt es von religiösen, philosophischen und ethischen Grundeinstellungen ab, ob jemand zum Beispiel eine neue wissenschaftliche Methode oder medizinische Praxis als "menschenwürdig" und mit seinem Menschenbild vereinbar empfindet. Häufig steht hinter Neuerungen der Biomedizin der Wunsch, den Menschen zu perfektionieren. Doch was ist der "perfekte" Mensch? Und was bedeutet dies für Menschen mit Krankheiten oder Behinderungen?

Mensch und Gott

Normen und Werte werden häufig aus religiösen Überzeugungen und Vorschriften abgeleitet. In der Diskussion werden sich auch viele Schülerinnen und Schüler mehr oder weniger reflektiert auf solche Positionen beziehen. Im Nachfolgenden einige Hintergründe zum christlichen und islamischen Menschenbild.

Das christliche Menschenbild

Gott hat dem Menschen das Leben geschenkt. Deshalb steht dem Menschen nicht das Recht zu, über Leben und Tod zu entscheiden. Jedes Leben ist gottgewollt und heilig. Jeder Arzt ist daher verpflichtet, alles zu tun, um Leben zu retten oder zu verlängern. In Bezug auf die mögliche Einschränkung der Menschenwürde durch die Bio- und Gentechnologie schreibt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann: Es geht uns darum, dem Traum vom perfekten Menschen zu widersprechen — einem Traum, der letztlich zutiefst inhuman ist: Nur allzu schnell wird der Mensch, der immer ein unvollendetes und daher auch unvollkommenes Wesen ist, dabei zum Schadensfall, zur vermeidbaren Belastung oder zum untragbaren

Das islamische Menschenbild

Dem Koran zufolge wurde der Mensch in idealer Gestalt geschaffen; er ist auf der Erde "Stellvertreter Gottes". Der Islam unterscheidet zwischen "Lebendig-Sein" und "Mensch-Sein". Das Mensch hat — im Gegensatz zu anderen lebendigen Wesen — eine Seele. Die menschliche Würde ist dadurch gekennzeichnet, dass der Mensch — anders als Tiere — für seine Taten verantwortlich ist. Der Schutz des menschlichen Lebens hat höchste Priorität. So heißt es im Koran: Wenn man einen Menschen tötet, so ist dies, als hätte man die gesamte Menschheit getötet. Selbstmord ist im Islam nicht erlaubt. Nach dem Tod existiert die Seele weiter und trägt die Verantwortung für die vom Menschen begangenen Taten. Beim Sterbeprozess verlässt die Seele, die schon vor der Geburt existiert, den Körper. Am Jüngsten Tag vereinigt sie sich wieder mit dem Körper.

Mensch und Natur

Mensch oder Embryo?

Im christlich geprägten Verständnis ist jedes ungeborene Leben ab der Verschmelzung von Eizelle und Samenzelle menschliches Leben und daher wie ein Mensch zu respektieren. Viele vertreten sogar die Überzeugung, dass eine Abtreibung mit Mord gleichzusetzen ist. Egal, ob Befürworter oder Gegner von Verhütungsmitteln oder Abtreibung — im westlichen Kulturkreis werden Embryonen (ab Anfang des dritten Monats "Fötus") grundsätzlich als menschliches Leben angesehen. Auch im Islam gilt der Embryo von Anfang an als schutzwürdig, weil er auf dem Weg zur "Menschwerdung" ist. Der Anfang dieser "Menschwerdung" ist durch das Einhauchen der Seele gekennzeichnet. Dieser gesamte Prozess verläuft in verschiedenen Entwicklungsstufen. Ab dem Zeitpunkt, an dem die Organbildung abgeschlossen ist und der Embryo menschliche Züge angenommen hat, verfügt er auch über eine ausgebildete Seele. Der genaue Zeitpunkt ist umstritten. In der Praxis ist es so, dass nach einer Fehlgeburt der Embryo bzw. Fötus nach den islamischen Regeln bestattet wird, wenn er schon menschliche Züge angenommen hatte. Wegen der grundsätzlichen Schutzwürdigkeit des Embryos ist eine Abtreibung nicht erlaubt, außer das Leben der Mutter ist in Gefahr. Einige Gelehrte sprechen sich jedoch auch dafür aus, bei bestimmten schweren Missbildungen einer Abtreibung zuzustimmen — insbesondere wenn das Kind nicht überlebensfähig ist. Es gibt allerdings auch Rechtsschulen, die jegliche Abtreibung verbieten.

Auch bei der Frage des "therapeutischen" Klonens spielen die unterschiedlichen Auffassungen über den Anfang des Lebens und des Menschseins eine Rolle. In den westlichen Gesellschaften wird die Frage diskutiert: Darf man für dieses Verfahren Klone vernichten, die nach dem hier vorherrschenden Verständnis als Embryos gelten? Und schließlich: Für die Herstellung eines Klons müssen Frauen Eizellen spenden. Die dafür nötige Hormonbehandlung löst bei den Frauen oft starke Beschwerden aus.

Das Klonen ist aus islamischer Sicht schon allein deswegen nicht erlaubt, weil für jeden Körper eine individuelle Seele vorgesehen ist, die schon vor der Geburt existiert hat und nach dem Tod weiter existiert. Die Stammzellforschung ist nach der islamischen Theologie erlaubt und sogar förderungswürdig, sofern sie der Heilung von Menschen dient. Verboten wäre sie nur, wenn sie in irgendeiner Form zur Veränderung der Schöpfung führen würde, zum Beispiel über die Modifikation des Genpools. Abtreibungen zur Gewinnung von Stammzellen aus Embryonen sind verboten.

Das darwinistische Menschenbild

Nach Darwin gelten für den Menschen die gleichen Selektionsmechanismen wie für alle anderen Lebewesen, also die natürliche Zuchtwahl durch Auslese. Nur die Bestangepassten überleben im "Kampf ums Dasein". Dieses Menschenbild wird so heute kaum mehr vertreten, vor allem, weil im Nationalsozialismus die Rassenlehre und die Tötung "unwerten Lebens" daraus abgeleitetet wurden.

Mensch oder Tier?

Die biomedizinische Forschung wirft für das Selbstverständnis des Menschen neue Fragen auf: Werden die Unterschiede zwischen Mensch und Tier sowie zwischen Mensch und Maschine wirklich verschwimmen? Über die Grenzen zwischen Leben und Tod wird gestritten: Wann beginnt das Leben des Menschen und wann endet es? Wer ist Person und wer nicht? Wer gehört zu unserer Gesellschaft und wer nicht? Und wie wird das gesellschaftliche Zusammenleben je nach Antwort auf diese Fragen zukünftig aussehen?

TIPP

Diskussion

Im Schülerheft wird die Befürchtung geäußert, dass die zunehmende Technologisierung der Medizin gravierende Auswirkungen auf das Menschbild haben könnte. So könnte etwa die Toleranz von "Unzulänglichkeiten" des menschlichen Daseins abnehmen, Schmerz, Krankheit, Altern und Tod scheinen vermeidbare Übel zu werden. Was heißt dies aber zum Beispiel für alte oder behinderte Menschen?

Von Leid und Mit-Leid

Eine Definition des Begriffs "Leiden" fällt schwer, denn Leidempfinden ist kein messbarer, objektiver Tatbestand. Was als körperliches oder psychisches Leiden empfunden wird, hängt immer auch von dem Zustand der Gesellschaft, vom sozialen Umfeld ab. Leid ist vor allem ein Deutungsmuster, schreibt Anne Waldschmidt, Professorin für Soziologie in der Heilpädagogik an der Universität Köln. Dies führt zu scheinbar sehr widersprüchlichen Ansichten darüber, was Leiden ausmacht. So gibt es Menschen, die sich darüber beschweren, dass ihr Leid nicht gesehen oder nicht als solches anerkannt wird. Andere dagegen sind der Auffassung, dass ihre Eigenschaften zu Unrecht als leidvoll oder nicht lebenswert angesehen werden. Das sagen vor allem viele Menschen mit Behinderungen. So setzt der Psychologe Lothar Sandfort der Gleichung "Behinderung bedeutet Leiden" eine radikal andere Interpretation entgegen: Alle haben gesagt: Deine Behinderung, das ist deine Feindin. Die musst du überwinden. Und dann hab ich plötzlich gesehen, meine Behinderung ist für mich wie eine Person. Und ich hab zu ihr gesagt: Na gut, du bist auch anstrengend, manchmal lässt du mich leiden. Aber manchmal machst du mich auch stolz und glücklich, gibst mir eine Persönlichkeit, einen Sinn. Und dann ist meine Behinderung meine Freundin.

Auch Mitleid zu empfinden bzw. zu empfangen setzt in den meisten Menschen sehr zwiespältige Gefühle frei. Einerseits hat Mitleid, also die Teilnahme am tatsächlichen oder vermeintlichen Unglück anderer, häufig die Bereitwilligkeit zur Folge, anderen zu helfen. Nach Schopenhauer ist das Mitleid sogar die einzige moralische Triebfeder, der Ursprung von Gerechtigkeit und Menschenliebe. Im Christentum gilt Mitleid als Voraussetzung für Barmherzigkeit. Andererseits wird Mitleid von denjenigen, die es erfahren, häufig als herablassend, sogar demütigend erfahren. Wer bemitleidet wird, gilt nicht als ebenbürtig. So empfinden dies auch viele Menschen mit Behinderungen. Vor allem ein zur Schau getragenes Mitleid erscheint vielen suspekt. Mitleid schmeichelt dem Selbstgefühl, so Friedrich Kirchner im Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe.

"Krüppel" oder "Menschen mit besonderer Befähigung"?

Die Sprache verrät viel über die Haltung gegenüber Menschen mit Behinderungen. Viele Begriffe sind diskriminierend. Sie beschreiben die Betroffenen als minderwertig oder bringen zum Ausdruck, dass in erster Linie ihre Defizite gesehen werden. Um die damit einhergehende Stigmatisierung zu vermeiden, sprechen viele Betroffene bzw. Behindertenorganisationen zum Beispiel von "Menschen mit besonderer Befähigung". Auch die Bezeichnung "Menschen mit Behinderungen" spiegelt ein neues Verständnis wider: Es sieht in erster Linie den ganzen Menschen und nicht die Behinderung. In englischsprachigen Ländern wird auch der Ausdruck "people with special needs" ("Menschen mit besonderen Bedürfnissen") verwandt. Auch die Bezeichnung "geistige Behinderung" wird wegen seines grundlegend negativen Urteils über die geistig-seelische Verfassung der Betroffenen von vielen Aktivisten der Behindertenbewegung abgelehnt. Die Bezeichnung "kognitive Behinderung" oder einfach "Lernschwierigkeiten" hat sich jedoch (noch) nicht durchgesetzt.

In alldem spiegelt sich der Anspruch der Betroffenen, nicht immer nur als Menschen mit Defiziten betrachtet zu werden, als Wesen, die von der Norm abweichen, die die Welt der Nicht-Behinderten vorgibt. Der ursprünglich mathematische Begriff "Inklusion" beginnt, die bisherige "Integration" abzulösen, weil er der Gesellschaft eine höhere Verantwortung für die Einbeziehung betroffener Menschen mit all ihren Eigenarten zuweist, statt eine Anpassung zu verlangen.

Von den meist selbst betroffenen Vertretern der Krüppelbewegung wurde der Begriff Behinderung dagegen bewusst durch den alten, eigentlich verpönten Ausdruck "Krüppel" ersetzt, um damit provozierend auszudrücken, was nichtbehinderte Menschen nach ihrem Empfinden ohnehin über sie dachten.

Das Mitleid ist die Grundlage jeder Moral.

Arthur Schopenhauer, Philosoph

Ich will kein Mitleid, ich will Respekt.

Aktion Mensch 1995

Wir wollen kein Mitleid, wir wollen Gerechtigkeit.

U2-Sänger Bono während des Live 8-Konzerts in London, 2. Juli 2005

Mitleid entzieht einem jede Kraft.

Judith von Dall’Armi, Mutter eines Sohnes mit Down-Syndrom

Mitleid und Verachtung waren Schwestern.

John Steinbeck, Schriftsteller

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