Medien
Zusammenfassung
Medien machen Meinung. Ob "BILD" oder "FAZ", "Lindenstraße" oder TV-Dokumentation: Durch die Auswahl von Informanten und Protagonisten, durch Wortwahl und Bildsprache beeinflussen die Medien ihre Leser und Zuschauer unbewusst — oder auch ganz bewusst. Das Kapitel erläutert, warum bestimmte Forschungsergebnisse Schlagzeilen machen und veranschaulicht am Beispiel des geklonten Schafs "Dolly", wie sich Fortschrittsglaube, Lobbyismus bzw. gründliche Recherche in der Berichterstattung niederschlagen
Wie werden Informationen gemacht?
Information, Beitrag zur Meinungsbildung, Kontrolle politischer Prozesse und Unterhaltung: Das sind die Funktionen der Massenmedien. Gerade bei biomedizinischen Themen, die häufig sehr kompliziert sind, spielen Medien als Vermittler eine wichtige Rolle. Der Pressekodex des Deutschen Presserats verpflichtet zu objektiver und ausgewogener Berichterstattung, zu Sorgfalt, Fairness, Achtung vor sittlichem und religiösem Empfinden. Doch die Wirklichkeit sieht häufig anders aus: Manche Medien vereinfachen, verwirren, übertreiben, betreiben Sensationsmache — oder ignorieren wichtige Themen. Warum?
Die Gründe sind vielfältig:
- Nachrichtenfaktoren: Die Kommunikationswissenschaften nennen Kriterien, die selektiv und damit verzerrend auf den Nachrichtenfluss wirken — zum Beispiel "Bedeutsamkeit" (Tragweite eines Ereignisses), "Negativität" (Konflikt, Kontroverse oder Tod als Berichtsgegenstand), "Eindeutigkeit" (Fassbarkeit und Überschaubarkeit eines Ereignisses).
- Es ist schwierig, die abstrakten, biomedizinischen Themen in verständlichen Worten zu vermitteln.
- Die Themen stehen noch nicht lange auf der Agenda, so dass sich erst wenige (Wissenschafts-)Journalisten in die Materie eingearbeitet haben. Die meisten verlassen sich auf die Aussagen von Experten.
- Fortschrittsgläubigkeit der Medienmacher, die manchmal im Widerspruch steht zur komplexen Materie und wissenschaftlichen Belegen.
- Vor allem Fernsehen und Hörfunk sind stark auf das aktuelle Geschehen zugeschnitten, nur wenige Sendeformate bieten Zeit für ausführliche Berichterstattung.
- Konkurrenz der Medien um Schlagzeilen (und damit um Leser). Verstärkt wird diese Konkurrenz durch die ökonomische Krise: weniger Redakteure, weniger Zeit für Recherche — auf Kosten der Gründlichkeit und Kritik.
- Public Relations: Pharma- und Biotechfirmen und -verbände haben ein großes Interesse an einer positiven Berichterstattung. Deshalb investieren sie große Summen in umfangreiche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und versorgen Medien mit Informationen, die ihrer Branche nutzen.
Der Fall Dolly: Ein Schaf macht Schlagzeilen
Im Februar 1997 strömten Journalisten zu Tausenden nach Edinburgh in Schottland, um das geklonte Schaf Dolly zu fotografieren und seinen "Vater", den Genforscher Dr. Ian Wilmut, zu interviewen. Am Beispiel der BILD-Zeitung lässt sich zeigen, wie ein Thema lanciert und gepflegt wird und wie Journalisten mit den Ängsten und der Sensationslust der Leser spielen: Nach der ersten Meldung am 24. 02. 97 ("Der Albtraum ist da!") stellt BILD am 26. 02. 97 unter der Überschrift "Albtraum Klonen" den Genforscher Wilmut vor. In einem kurzen Interview wird außerdem ein Fortpflanzungsmediziner befragt nach Ablauf, Sinn und Übertragbarkeit des Versuchs auf den Menschen. Ein weiterer Artikel erinnert an den Film "Jurassic Park", in dem Saurier geklont wurden. Nachdem die voran gehenden Artikel mehr Fragen geweckt als beantwortet haben, erklärt BILD am 28. 02. 97: "Hunderte Anrufe bei BILD. Klonen — die sechs wichtigsten Fragen. Der Vorsitzende des Berufsverbands Ethik in der Medizin gibt klar und sachlich Auskunft zu: Warum ist die geglückte Klonierung so sensationell? Welchen Sinn hat Klonen? Wird an der Klonierung eines ganzen Menschen gearbeitet?" Von da an trimmt BILD jede halbwegs passende Meldung "klongerecht". Die Dichte der Meldungen und die Wortwahl wecken den Eindruck, als wäre Klonen schon weit verbreitet und eine ganz einfache Sache:
- 03. 03. 97:
Erste Affen geklont. Der geklonte Mensch — wann ist es soweit?
(Titelseite) - 04. 03. 97:
Klon-Affen — Aber wer gibt ihnen Liebe?
- 10. 03. 97:
Geklonter Mensch — gibt es ihn schon?
(Zwillingsbrüder, die im Reagenzglas gezeugt wurden — obwohl es nur ein Kind werden sollte) - 13. 03. 97:
Schon Leonardo sollte geklont werden
(ein Halbbruder von da Vinci schwängerte ein Mädchen aus Vinci, um ein ähnliches Genie zu zeugen) - 16. 03. 97:
Schnellstes Rennpferd der Welt: Sein Besitzer will es klonen lassen
Die Berichterstattung der anderen Zeitungen schwankt zwischen Skepsis und Besorgnis einerseits:
Ausdruck eines Machbarkeitswahns
, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. 02. 1997Dolly ist eine Bedrohung der Menschheit, die allenfalls vergleichbar ist mit der Erfindung der Atombombe
, Die Zeit, 25. 12. 1997
und Unaufgeregtheit andererseits: Die FAZ weist am 7. 03. 1997 auf die Hürden für das Klonen von Menschen hin:
Tausende von Frauen müssten sich für ein Experiment zur Verfügung stellen; anschließend müssten die manipulierten Embryonen ausgetragen werden — damit am Ende vielleicht ein (lebensfähiger) Klon gelingt.
Vielen Printmedien gemeinsam ist der Wunsch nach Aufklärung — auch noch Wochen und Monate nach der Bekanntgabe des Experiments:
Verräterin: Die Sprache der Medien
Die Sprache ist das Handwerkszeug der Journalisten. Begriffe wie "Frankensteins Kinder" schüren Angst, Formulierungen wie "Wunderwaffe Stammzellen" wecken Hoffnung. Und was ein Journalist von künstlicher Befruchtung hält, lässt sich schon daraus ablesen, ob er von "Retortenbaby" oder "Wunschkind" spricht.
Zuweilen übernehmen Journalisten Begriffe auch unüberlegt. So kam es zur Unterscheidung von reproduktivem und therapeutischem Klonen. Klonen bedeutet aber dasselbe wie reproduzieren, so dass der Begriff reproduktives Klonen eine überflüssige Verdopplung ist. Wissenschaftler haben ihn trotzdem eingeführt, um das "gute" therapeutische Klonen (das der Entwicklung von menschlichem Gewebe und Organen dient) vom "bösen" reproduktivem Klonen (Klonen von erwachsenen Lebewesen) abzuheben. Obwohl beiden dasselbe Verfahren, also die Züchtung von Embryonen, zugrunde liegt!
Wer kommt wann zu Wort?
Die Journalisten selbst sind nicht die einzigen, die sich zu biomedizinischen Themen äußern. Im Gegenteil: Sie lassen vor allem andere zu Wort kommen: Wissenschaftler und Ärzte, Ethiker und Repräsentanten der Kirche, Politiker und Vertreter der Wirtschaft.
Dies lässt zwei Schlüsse zu: Entweder verstecken Journalisten sich und ihre (womöglich nicht existente) Meinung hinter Experten. Oder sie nehmen sich selbst zurück, um das breite Spektrum der Meinungen abzubilden. Tatsache ist jedenfalls, dass etwa die Positionen der Befürworter von Genforschung ebenso Platz haben wie die der Skeptiker und Kritiker. Expertendebatten bieten den Lesern die Möglichkeit, sich ausführlich und "aus erster Hand" über biologische Grundlagen, einzelne technische Verfahren, Erfolgsaussichten und Risiken zu informieren. Ergänzend drucken die Medien viele Leserbriefe ab, um so die öffentliche Diskussion abzubilden.
Rolle der Medien
Zur Rolle der Medien in der öffentlichen Debatte zur Biomedizin ist der gleichnamige Aufsatz von Sigrid Graumann zu empfehlen. Er ist erschienen in: Schicktanz, Silke/Tannert, Christof/Wiedemann, Peter (Hrsg.): Kulturelle Aspekte der Biomedizin. Campus 2003. Außer dem: Mike Steffen Schäfer: "Humangenomforschung in der Mediendebatte". In: Gen-Ethischer Informations dienst (165/04)
Internet-Recherche
Welche Risiken und Chancen das Internet für die Recherche bringt, zeigt anhand einer bewusst verbreiteten Falschmeldung zum "Sex-Gen Isa" Andreas Stumpf: "Vom digitalen Grubenhund", in: Message, Internationale Fachzeitschrift für Journalisten, 2/05, S. 76-79
TV-Dokumentationen
Welche biomedizinischen Probleme sich besonders für Fernseh-Dokumentationen eignen (da sie sich gut als Fallgeschichten darstellen lassen), wie die Beiträge dramaturgisch aufgebaut sind und welchen Wert sie für die öffentliche Debatte haben, erläutert Giovanni Maio, Professor für Bioethik an der Uni Freiburg, sehr anschaulich in seinem Beitrag "Das Klonen im öffentlichen Diskurs", in: Zeitschrift für medizinische Ethik (47/01, S. 33 ff.) und anhand des Beispiels "Sterbehilfe" im Beitrag "Zur fernsehmedialen Konstruktion von Bioethik", in: Ethik Med (12/00, S. 122 ff.).
Arzt-Serien
Chicago Hope, Alphateam, Für alle Fälle Stefanie (alle Sat 1), Emergency Room (Pro 7): Wie "Arztserien im internationalen Vergleich" (Deutschland, USA, Großbritannien) Tabuthemen wie Grenzen in der Medizin, Krankheit und Tod aufgreifen, beleuchtet die gleichnamige Doktorarbeit
Sprache der Gentechnik
Dr. Horst Dieter Schlosser, Sprachwissenschaftler an der Uni Frankfurt, geht in seinem Essay "Plastikwörtern" aus der Gentechnik auf den Grund (Gen-Ethischer Informationsdienst Spezial, 3/02). Silja Samerski befasst sich mit der "Freisetzung genetischer Begrifflichkeiten" (in: Theo Steiner: Genpool. Biopolitik und Körperutopien. Wien 2003), und Franz Kamphaus bringt in seinem Buch "Um Gottes Willen — Leben" (Herder 2004) Beispiele für "Die verräterische Sprache der Gentechnik".
Pressekodex des Deutschen Presserates
www.presserat.de
Nachrichtenfaktoren und vieles mehr
www.wikipedia.de
Wissenschaftsjournalismus (Stichwort "Forschung")
www.eurotransplant.nl
Fachzeitschriften für Journalisten
www.journalist.de
www.message-online.com






