Grundsätzliches zur Bioethik
Zusammenfassung
Dieses Kapitel informiert über die Bedeutung des Begriffs Bioethik, ihren Gegenstand und die institutionalisierte Bioethik. Bioethische Fragen gehen jeden an — nicht zuletzt, weil jeder in die Lage kommen kann, Entscheidungen in diesem Bereich treffen zu müssen, zum Beispiel über Sterbehilfe oder Gentests. In Ethikdiskussionen muss die Geltung von Werten und Normen immer wieder neu ausgehandelt werden. Dabei hilft die Vergegenwärtigung grundsätzlicher ethischer Fragestellungen und gängiger Argumentationsmuster.
Bioethik in der Kritik
Der Begriff "Bioethik" ist nicht unumstritten. Der Grund dafür ist, dass er nicht ausschließlich eine neutrale Bezeichnung eines Teilgebietes der philosophischen Ethik ist, sondern auch in anderen Bedeutungen und Zusammenhängen verwendet wird. Nicht nur Philosophen bezeichnen sich als Bioethiker, sondern auch Politiker, Naturwissenschaftler, Mediziner und Industrielobbyisten, die sich mit ethischen Fragestellungen befassen. So beruhen die Argumentationen in Bioethikdiskussionen durchaus nicht immer auf ethischen Überlegungen, sondern es geht oftmals um die Durchsetzung politischer oder wirtschaftlicher Ziele. Moralische Einwände werden dabei als Bedenkenträgerei verstanden, die wichtige technische Entwicklungen ausbremst. Viele Kritikerinnen und Kritiker unterstellen "der" Bioethik bzw. Bioethikkommissionen deshalb, nicht nach angemessenen Lösungen für neue ethische Probleme zu suchen, sondern den Einsatz neuer, wirtschaftlich vielversprechender Techniken, wie beispielsweise der Gentechnologie, rechtfertigen zu wollen. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Zusammensetzung der verschiedenen Gremien, so etwa das Fehlen von Patientenvertretern in den Ethikkomitees der Kliniken.
TIPP
Recherche & Diskussion
Die Schüler informieren sich über die Zusammensetzung der Gremien. Sie sollen überlegen, was die einzelnen Experten beitragen können. Welche Personen vertreten welche Interessen?
Grundformen ethischer Argumentation
Grundformen ethischer Argumentation sind die deontologische und die teleologische Ethik. Konflikte in Ethik-Diskussionen lassen sich oftmals auf diese beiden Argumentationsmuster zurückführen.
Deontologische Ethik
Unter diesem Begriff werden die ethischen Ansätze zusammengefasst, die eine Handlung nach anderen Kriterien als ihrer Zielsetzung oder möglichen Folgen bewerten. Zu den wichtigsten Vertretern gehört Immanuel Kant:
Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.
Der Kern dieses so genannten kategorischen Imperativs ist: Eine Handlung soll an sich richtig sein, nicht allein in Bezug auf einen anderen Zweck bzw. ihre Konsequenzen. Demzufolge dürfte man Menschen also nicht für ihnen fremde Zwecke missbrauchen. Beispielsweise dürfte Forschung an Personen, die daraus für sich selbst keinen unmittelbaren therapeutischen Nutzen ziehen, nicht erlaubt sein (was sie in Deutschland auch nicht ist).
Teleologische Ethik
Teleologische Ethiken bewerten Handlungen in erster Linie nach ihrer Zielsetzung bzw. danach, ob sie zum Erreichen eines bestimmten Ziels beitragen. Dazu gehört Jeremy Benthams Utilitarismus, nach dem Handlungen am Prinzip der Nützlichkeit ausgerichtet werden sollen:
Unter dem Prinzip der Nützlichkeit ist jenes Prinzip zu verstehen, das schlechthin jede Handlung in dem Maß billigt oder missbilligt, wie ihr die Tendenz innezuwohnen scheint, das Glück der Gruppe, deren Interesse in Frage steht, zu vermehren oder zu vermindern oder dieses Glück zu befördern oder zu verhindern.
Diese Sichtweise legitimiert zum Beispiel im Grundsatz fremdnützige Forschung, weil man dadurch eine Erkrankung besser beurteilen und möglicherweise zukünftige Behandlungsmöglichkeiten entdecken könnte, die dann anderen Menschen zu gute kämen.
TIPP
Rollenspiel
Um einen Einblick in die Arbeit einer Ethikkommission zu bekommen, organisieren die Schülerinnen und Schüler ein Rollenspiel
Bioethik in Deutschland — wer macht was?
In der Politik
Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages
In jeder Legislaturperiode richtet der Bundestag mehrere Enquete-Kommissionen zu unterschiedlichen Themen ein. Die in der 15. Wahlperiode von 2003 bis 2005 eingesetzte Enquete-Kommission "Ethik und Recht der modernen Medizin" sollte zu Fragen der Biotechnologie grundlegende und vorbereitende Arbeit für die Entscheidungen des Bundestags leisten. Ihr gehörten 13 Mitglieder des Bundestags und 13 Sachverständige an. Die Website der Kommission ist im Archiv der Internetpräsenz des Bundestags einsehbar, ebenso die Internetseiten der Enquete-Kommission "Recht und Ethik der modernen Medizin" aus der 14. Wahlperiode.
Nationaler Ethikrat
Der Nationale Ethikrat wurde im Mai 2001 vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder als Forum des Dialogs über ethische Fragen ins Leben gerufen. Ihm gehören 25 Mitglieder an. Er soll dialogoffen und unabhängig die öffentliche Debatte um bioethische Fragen anstoßen und dafür Argumente diskutieren und aufbereiten. Das Gremium hat Beratungsfunktion und soll Einfluss nehmen auf konkrete politische Entscheidungen. Es ist geplant, den Ethikrat ab Sommer 2007 auf eine gesetzliche Grundlage zu stellen. Er wird dann "Deutscher Ethikrat" heißen und aus 24 Mitgliedern bestehen. www.ethikrat.org
In der Zivilgesellschaft
Verbände, Vereine
Sozialverbände und Organisationen beschäftigen sich mit Fragen der Bioethik, informieren in ihren Publikationen darüber, mischen sich in politische Debatten ein und stoßen gesellschaftliche Diskussionen an. So hat die Aktion Mensch im Oktober 2002 mit der Website www.1000Fragen.de ein Informations- und Diskussionsforum zu Fragen der Bioethik initiiert. Daneben wurden in den letzten Jahren eine Anzahl von Interessenverbänden und Institutionen gegründet, die sich ausschließlich dem Thema Bioethik widmen, wie zum Beispiel 3 die "Interessen Gemeinschaften Kritische Bioethik Deutschland" oder das von neun Organisationen der Behindertenhilfe und Selbsthilfe getragene Forschungsinstitut IMEW in Berlin (www.imew.de).
Interessenvertretungen der Wirtschaft
Auch Industrie- und Berufsverbände wie die Deutsche Industrievereinigung Biotechnologie (www.dib.org), der Bundesverband Medizintechnologie e.V. (www.bvmed.de) oder der Berufsverband Deutscher Humangenetiker e. V. (www.bvdh.de) äußern sich zu bioethischen Themen und geben Stellungnahmen zu Gesetzesentwürfen sowie Handlungsempfehlungen für ihre Mitglieder heraus.
Medien
Über die Rolle der Medien in der öffentlichen Debatte zur Bioethik informiert das Kapitel "Die Medien in der Bioethik-Diskussion"
Bürgerkonferenzen
In vielen Ländern sind Bürgerkonferenzen ein gängiges Verfahren, um eine Mitsprache von Nicht-Experten bei bioethischen Themen zu sichern. Teilnehmer solcher Konferenzen sind zum einen "Experten", zum anderen Bürger, die sich über einen längeren Zeitraum hinweg in das jeweilige Thema einarbeiten, die Experten befragen und schließlich ein Votum zu dem in Frage stehenden Problem abgeben. In Deutschland gab es bisher zwei Bürgerkonferenzen zu bioethischen Fragestellungen: 2001 in Dresden zum Thema Gendiagnostik 2003/04 in Berlin im Auftrag des Bundesforschungsministeriums zum Thema Stammzellforschung.
In Wissenschaft und Forschung
Wissenschaftlich tätige Ärzte und Pharmaunternehmen, die Studien am Menschen durchführen wollen, müssen sich seit Ende der 80er Jahre vor Durchführung von klinischen Versuchen am Menschen von einer Ethikkommission beraten lassen. Diese an Universitäten und Landesärztekammern angesiedelten Gremien bestehen aus ehrenamtlich tätigen Mitgliedern (Ärzten, Juristen und Laienvertretern) und haben die Aufgabe, die Wissenschaftler auf Grundlage der ärztlichen Berufsordnung zu beraten (zum Beispiel die "Ethikkommission der Medizinischen Fakultät der Charité — Universitätsmedizin Berlin". Daneben gibt es an vielen Universitäten Forschungseinrichtungen für Bioethik, zum Beispiel das Interfakultäre Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) an der Universität Tübingen.
In der Medizin
In Krankenhäusern sollen Ethikkomitees Ärztinnen und Ärzte sowie andere Klinikbeschäftigte bei schwierigen moralischen Entscheidungen beraten, etwa am Universitätsklinikum Erlangen. Auf der Website des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der FAU Erlangen-Nürnberg finden sich Informationen über Geschäftsordnung und Zusammensetzung des dortigen Komitees sowie allgemeine Hinweise zur klinischen Ethikberatung und Gründung von Ethikkomitees. www.gesch.med.uni-erlangen.de (Menüpunkte Medizinethik/Klinisches Ethikkomitee)
Allgemeines Handbuch zur Ethik
Marcus Düwell, Christoph Hübenthal und Micha H. Werner: Handbuch Ethik. Metzler Verlag 2006, 598 Seiten,
49,95 €
Eine Einführung in die Bioethik
Thomas Schramme: Bioethik. Campus Verlag 2002, 160 Seiten,
12,90 €
Sammelband zu Theorien und Problembereichen der Bioethik mit einer kritischen Einleitung zur Geschichte des Begriffs
Marcus Düwell/Klaus Steigleder: Bioethik. Suhrkamp Verlag 2003, 400 Seiten,
13,00 €
Kritische und fortschrittsskeptische Betrachtung
Otfried Höffe: Medizin ohne Ethik? Suhrkamp Verlag 2002, 262 Seiten,
10,00 €
Bioethische Fragestellungen aus christlicher Perspektive
Dietmar Mieth: Was wollen wir können? Herder Verlag 2002, 532 Seiten,
35,00 €
Kritischer Sammelband mit Stellungnahmen von Initiativen und Verbänden
Therese Neuer-Miebach und Michael Wunder (Hg.): Bio-Ethik und die Zukunft der Medizin. Psychiatrie-Verlag 1998, 200 Seiten,
7,50 €
Fragen zur Bioethik. www.1000fragen.de
Heike Zirden (Hrsg. für die Aktion Mensch): Was wollen wir, wenn alles möglich ist?
DVA 2003, 896 Seiten,
19,90 €
Deutsches Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften: unter anderem eine Sammlung an weiterführenden Links.
www.drze.de
Interessen Gemeinschaften Kritische Bioethik Deutschland: unter dem Menüpunkt "Downloads" eine große Sammlung an wichtigen Texten und Dokumenten zur Bioethik.
www.kritische-bioethik.de
Interfakultäres Zentrum für Ethik in den Wissenschaften an der Uni Tübingen mit umfangreicher Linkliste.
www.izew.uni-tuebingen.de
1000 Fragen: Informations- und Diskussionsforum der Aktion Mensch.
www.1000fragen.de






