Die pränatale Diagnostik nimmt rasant zu. Viele Frauen nehmen die Vorsorge-Routine hin, ohne sich über deren Absicht, Chance, Risiken und Folgen Gedanken zu machen. Fast jedes Neugeborene hat heute bereits bei der Geburt eine mehrstufige Qualitätskontrolle durchlaufen. Doch eine Garantie für gesunden Nachwuchs gibt es nicht. Am Ende des Check-up steht häufig die Abtreibung des Ungeborenen: Embryonen mit schweren Krankheiten oder Behinderungen werden selektiert. Entscheidungen über Leben und Tod, über Wert und Unwert des Menschen.
Kapitel:
- Vom Spezialfall zum Modell für alle
- Abtreibung notfalls bis zur Geburt
- Machbarkeitswahn: Der vermeidbare Behinderte
- Alle wollen das "Nivea-Baby"
Vom Spezialfall zum Modell für alle
Die Zeiten, in denen Frauen bei der Geburt den ersten medizinischen Beistand erhielten, sind lange vorbei. Heute beginnt der medizinische Check-up, sobald die Schwangerschaft feststeht. Dann erhält die Frau mit dem Mutterpass den Fahrplan für alle weiteren Inspektionen des werdenden Lebens. Die meisten Frauen gehen nie wieder so häufig zum Arzt wie in dieser Phase, die früher die Zeit der "guten Hoffnung" hieß.
Insgesamt schreibt die Untersuchungsroutine Dutzende von Einzeltests für jede Schwangerer vor. Untersucht wird auf verschiedene Fehlbildungen hin sowie auf Chromosomenabweichungen (siehe Lexikon) und Gendefekte. Die wichtigsten sind Ultraschalluntersuchungen, verschiedene Bluttest der Mutter (Triple-Test) und des Fötus (Untersuchung von Nabelschnurblut), die Punktion der Placenta (Chorionzottenbiopsie) oder die Analyse des Fruchtwassers (Amniozentese).
Spezialuntersuchungen werden Routinecheck
Was zunächst als Spezialuntersuchung für ganz wenige Risikogruppen gedacht war, ist längst zum Routinecheck für Schwangere geworden. Kaum ein Kind kommt heute auf die Welt, ohne dass es eine mehrstufige Qualitätskontrolle durchlaufen hätte. Die Zahl der Untersuchungen des Fruchtwassers und des Chorionzottengewebes stieg rasant an: von knapp 1800 im Jahre 1976 auf rund 80.000 pro Jahr heute.
Dabei sollte es nie so weit kommen. Als die ersten pränatalen Tests Anfang der siebziger Jahre auf den Markt kamen, sollten sie nur auf "einige besonders schwere Krankheiten und Behinderungen" beschränkt bleiben und nur "unter strengen Auflagen" angewandt werden - dieselbe Argumentation wie wir sie heute beim Einsatz der Präimplantationsdiagnostik und des therapeutischen Klonens hören. Doch die wenigen "Ausnahmefälle" von Frauen mit einem besonders gravierenden genetischen Risiko wurden tatsächlich zum Türöffner für ein Massenscreening, zum Modell für alle.
Falsches Verantwortungsbewusstsein führt zu neuen Risiken
Bald wurden Frauen über 35 Jahren zur Risikoschwangeren erklärt; dabei ist ihr "Risiko" ihren Embryo durch eine Fruchtwasseruntersuchung oder eine Chorionzottenbiopsie zu verlieren annähernd so hoch wie das aufgrund ihres Alters ein Kind mit Down-Syndrom zu bekommen.
Heute werden zudem immer mehr jüngere Frauen getestet. Die Entscheidung für den Blick in Gebärmutter und Gene wird als Ausdruck ihres Verantwortungsbewusstseins gegenüber dem ungeborenen Kind verstanden.
Dafür, dass sich das Untersuchungs-Karussel immer schneller dreht, sorgen auch die Gerichte. Einige Richter verurteilten Gynäkologen zu Schadensersatzzahlungen, weil sie Frauen über 35 nicht auf die Möglichkeit einer Fruchtwasseruntersuchung hingewiesen haben und diese dann ein Baby mit Down-Syndrom bekamen. Abtreibung versäumt. Das behinderte Kind als Schadensfall.




