Überlassen Sie Bioethik nicht Experten. Die Online-Bürgerdebatte von 2002 bis 2009.

Erika Feyerabend

Erika Feyerabend

Journalistin, Bioskop e.V. - Forum zur Beobachtung der Biowissenschaften und ihrer Technologien

Erika Feyerabend ist Patin der folgenden Frage:
Ich habe eine Patientenverfügung gemacht. Wer garantiert mir, dass gemäß meinem Willen zu einem von mir bereits definierten Zeitpunkt die Maschinen wirklich abgestellt werden und ich damit von Schmerzen erlöst werde?
(gestellt von H. M. am 25.10.2002)

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Erika Feyerabend zu ihrer Frage

Patientenverfügungen versprechen, per Voraberklärung selbstbestimmt, leidlos, schnell sterben zu können. Ein schönes Ideal? Die Verfügungen dokumentieren einen Willen für den Fall, dass wir ihn nicht mehr äußern können - im Koma, bei fortgeschrittener Demenz oder Krebserkrankung. Was dürfen wir dann wollen? Durch Abbruch medizinischer Behandlung und Ernährung zu Tode gebracht zu werden - außerhalb der Sterbephase! In gesunden oder bewussten Tagen gilt es zu überlegen, ab wann der Alltag unerträglich wird. Bei Pflegebedürftigkeit? Schmerzen? Mangel an Würde? Solche Selbstbewertungen sind vage. Schmerzen sind an das augenblickliche Erleben gebunden - und nicht vorstellbar. Würde ist kein definierter Zustand, sondern eine soziale Beziehung gegenseitiger Achtung. Von der Hilfe anderer abhängig zu sein, heißt nicht zwangsläufig, ausgeliefert zu sein.

Ob Patientenverfügungen anerkannt werden, ist nicht zwingend am Wohl des Einzelnen orientiert. Kliniken und Heime kalkulieren ökonomisch. Die pflegerische und therapeutische Unterversorgung ist hier eine ebenso traurige Realität wie die so genannte Übertherapie aus betriebswirtschaftlichen Gründen. Verfügungen helfen nicht den Schwerstkranken. Sie helfen den Institutionen, die auf Willenserklärungen verweisen, wenn sie der Behandlungspflicht nicht mehr nachkommen wollen. Gesundheitspolitiker nehmen den öffentlichen Willen zum Verzicht gerne ernst, wenn die unzureichende Versorgung von Menschen mit Krankheit oder Behinderung zum gesellschaftlichen Normalfall werden soll.

Patientenverfügungen formen den persönlichen Willen und sie entfalten sozialpolitische Wirkung. Ganz so wie der überall beförderte Traum vom perfekten Körper, der sich auch zu erkennen gibt als Verdrängung des Sterbens und nicht etwa des Todes. Attraktiv erscheint es, sich die Lebenszeit mit einem hinfällig gewordenen Körper zu ersparen. Deshalb bedürfen wir mehr denn je des Zuspruchs in schwerer Lebenslage - und nicht der nur scheinbar freien Wahl zwischen leidvollem Sterben und schnellem Tod durch Behandlungsabbruch oder Giftspritze.

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Wissenswertes zu Erika Feyerabend

Erika Feyerabend, Journalistin, Jahrgang 1957, studierte Sozialpädagogik in Essen und Sozialwissenschaften in Hagen. 1995 war sie Mitbegründerin des deutsch-niederländischen "BioSkop e.V. - Forum zur Beobachtung der Biowissenschaften und ihrer Technologien", dessen Geschäftsführerin sie heute ist. Die freie Journalistin und Lehrbeauftragte der Fachhochschulen Düsseldorf und Dortmund arbeitet und publiziert seit Mitte der 80er Jahre mit kritischer Distanz zur Biomedizin und Bioethik.

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