Überlassen Sie Bioethik nicht Experten. Die Online-Bürgerdebatte von 2002 bis 2009.

Prof. Dr. Dieter Thomä

Prof. Dr. Dieter Thomä

Philosoph

Prof. Dr. Dieter Thomä ist Pate der folgenden Frage:
Sind wir in der heutigen Gesellschaft wirklich frei oder doch nur Gefangene unseres eigenen Fortschritts?
(gestellt von J. H. am 30.10.2002)

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Prof. Dr. Dieter Thomä zu seiner Frage

Wenn andere von der Freiheit in der Moderne schwärmen, werde ich misstrauisch. Nicht dass ich etwas gegen Freiheit hätte, aber ich glaube, man macht es sich mit ihr oft zu leicht. Zwar hat man die Wahl zwischen Links und Rechts, Blond und Braun. Aber könnte es nicht sein, dass uns öfter mal eine schiefe Ebene untergeschoben wird, die unsere Ambitionen unmerklich in eine bestimmte Richtung gleiten lässt? In seinem Buch "Psychologie des Wohlstands" schildert Tibor Scitovsky eine solche schiefe Ebene. Er meint, dass der moderne "Komfort", der uns mit immer neuen Gütern umgibt, nicht wirklich zum Glück führe; glücksträchtig sei vielmehr die "Freude", die man empfindet, wenn man z.B. frisch ans Werk geht. Nach Scitovsky bedarf es nun eines wahren Kraftakts, sich die Freiheit zu dieser "Freude" zu erhalten: Weil man vom Komfort eingelullt wird, rutscht man eben auf eine schiefe Ebene, die vom frohen Schaffen wegführt. Kurz: Der moderne Fortschritt führt nicht einfach in ein Reich der Freiheit, sondern dressiert uns dazu, immer weicher gebettet und besser ausgestattet leben zu wollen.
In der aktuellen Biopolitik wird dieses Programm nun auf das Leben und den Körper der Menschen selbst angewandt. Man wünscht sich das schmerzlose Aufstehen, das faltenlose Gesicht, das fehlerlose Kind. So verständlich diese Wünsche sind, so irreführend ist das Bild der Perfektion, das ihnen letztlich zugrundeliegt. Diese Fortschrittsfantasie ist eigentlich menschenfeindlich, sie misst das Leben an einem Maßstab, der nur für Götter taugt. Ich möchte Sie einladen, gegen diese Fantasie anzukämpfen. Leicht ist das nicht: Man muss immer auch ein bisschen mit sich selbst hadern, will man die Idee abwehren, dass das Heil im Komfort und in körperlicher Perfektion liege. Was dann bleibt, ist aber nicht einfach nur ein einziger Katzenjammer. Bei Heinrich von Kleist ist einmal die Rede von einer "schönen Anstrengung", durch die man erst "mit sich selbst bekannt gemacht" werde. Diesen Genuss gewährt eben nur ein Leben jenseits von Komfort und Perfektion.

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Wissenswertes zu Prof. Dr. Dieter Thomä

Prof. Dr. Dieter Thomä, Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen, wurde 1959 in Heidelberg geboren. Nach einem Volontariat an der Henri-Nannen-Journalistenschule war er Redakteur beim Sender Freies Berlin, studierte in Freiburg und Berlin, lehrte in Paderborn, Rostock, New York, Berlin und Essen. 2002/2003 war er Senior Scholar am Getty Research Institute in Los Angeles. Er veröffentlichte u.a. die Bücher "Eltern. Kleine Philosophie einer riskanten Lebensform", "Erzähle dich selbst. Lebensgeschichte als philosophisches Problem" und "Vom Glück in der Moderne".1996 erhielt er den Preis für Essayistik beim Internationalen Joseph-Roth-Publizistikwettbewerb in Klagenfurt.

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